Vorsicht zerbrechlich! Leben schützen? Leben beenden? Wie weit wollen wir gehen? – Dr. Heike Fischer, Dr. Detlev Katzwinkel, Dr. Michael Schröder
Wahres Verstehen beginnt mit aufmerksamen Zuhören. Das gilt für Schule und Ausbildung, für zwischenmenschliche Beziehungen und ebenso für gesellschaftliche Debatten. Nur wenn jeder die Chance hat, die eigene Perspektive einzubringen und beim Gesprächspartner auf offene Ohren zu treffen, kann es zu einem solchen Verstehen kommen. Dr. Heike Fischer, Dr. Detlev Katzwinkel und Dr. Michael Schröder erörtern die unterschiedlichen Perspektiven in einem Schwangerschaftskonflikt. Was sind die Auslöser des empfundenen Konflikts? Welche Rechte hat das ungeborene Kind? Und wie können Außenstehende helfen, ohne übergriffig zu sein? In diesem Artikel wird eine seelsorgerliche Einführung zum Thema Schwangerschaftskonflikt geboten.
Genre: Aufsatz (12 Seiten)
Disziplin: Theologie
Charakter: Seelsorgerlich
Quelle: Fischer, Heike/Detlev Katzwinkel u.a., Vorsicht zerbrechlich! Leben Schützen? Leben beenden? Wie weit wollen wir gehen? Vom Anfang eines Menschen, von Konflikten und unterschiedlichen Perspektiven, in: Warum es auf manche Lebens?fragen keine einfachen Antworten gibt, Hg. Friedhelm Loh/Detlev Katzwinkel, Witten 2021, 57-68

„Vorsicht, zerbrechlich!“ Diese Warnung finden wir häufig auf einem Paket mit zerbrechlichem Inhalt, das wir dann sehr vorsichtig behandeln. Die Gegenstände sind meistens sorgfältig in mehrere Lagen schützende Folie eingepackt, und beim Auspacken gehen wir sehr umsichtig vor. So erfährt gerade das Zerbrechliche unsere besondere Wertschätzung, denn wir wollen noch lange Freude daran haben. Auch Menschen sind zerbrechlich. Besonders wenn sie klein, schwach oder krank sind, wird ihre körperliche Zerbrechlichkeit oft sogar zu einer Frage von Leben oder Tod. Menschen können auch seelisch zerbrechlich sein. Besonders tiefgreifende, erschütternde Erlebnisse, psychischer Druck oder Depressionen können zu Verletzungen, zu Traumata und letztlich zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen, an denen Menschen sogar zerbrechen können. In den Augen mancher Menschen können wir lesen, dass sie innerlich tief verletzt sind. So leiden z. B. Menschen, die emotionale oder sexualisierte Gewalt erfahren haben, ihr Leben lang unter den Folgen und sind für eine nachhaltige Aufarbeitung und Heilung der Verletzungen darauf angewiesen, dass andere ihnen solidarisch zur Seite stehen. Das bedeutet: Das, was sich nicht selbst schützen kann, bedarf unserer besonderen Aufmerksamkeit und Fürsorge. Das, was verletzt ist, bedarf der Zuwendung, Begleitung und Heilung.
Zerbrechliches wird zerbrochen
Aus diesem Grund setzen sich neben vielen anderen privaten und öffentlichen Helfern und Begleitern auch zahlreiche Christen dafür ein, Frauen in Schwangerschaftskonflikten
sowie das kleine, noch kaum sichtbare Leben des Embryos zu schützen. Ab dem Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle gilt vielen Christen das neue Leben als schützenswert, denn ab diesem Zeitpunkt kann sich aus dieser befruchteten Eizelle nichts anderes als ein Mensch entwickeln, sodass bereits in diesem Stadium menschliches
Leben entstanden ist. Deshalb beginnt in den Augen vieler Christen damit die Entwicklung als Mensch und nicht etwa zum Menschen. Das entstehende Leben muss sich nicht erst noch zu einem Menschen hin entwickeln, es ist bereits Mensch in einer frühen Entwicklungsstufe. Kirchen, Verbände und Initiativen werben intensiv dafür, dieses kleine, zerbrechliche Leben mit Sorgfalt zu behandeln, es als menschliches Leben zu betrachten, das ein ganz eigenes Lebensrecht besitzt. Daher zerbricht nach christlichem Verständnis bei jedem Schwangerschaftsabbruch ein menschliches Leben. Viele Christen sind überzeugt, dass Gott dem Menschen von Beginn an Würde verleiht und sich besonders zu den Schwachen und Zerbrechlichen stellt.
In einer heilen Welt, in der jedes neu entstehende Kind auch automatisch gewollt ist, müsste darüber nicht weiter nachgedacht werden. Wir leben jedoch nicht in solch einer heilen Welt. Kleines und Schwaches wird unter vorgeblichen Sachzwängen nur allzu oft preisgegeben, Zerbrechliches zerbrochen, weil es in unserer Welt vermeintlich keinen Platz hat.
50 Jahre „Wir haben abgetrieben“
50 Jahre nach dem Bekenntnis „Wir haben abgetrieben“ auf der Titelseite des Stern vom 6. Juni 1971 blickt die Zeitschrift im Juni 2021 provokativ noch einmal zurück. Damals outeten sich 374 Frauen, dass sie abgetrieben hatten. Gleichzeitig forderten sie das Recht auf straffreie Abtreibung. Mit einem Titelbild, das stark an das Titelbild von 1971 erinnert, greift der Stern das Thema Abtreibung wieder auf, dieses Mal mit dem Untertitel: „Noch immer sind Abtreibungen in Deutschland rechtswidrig.“ Auch heute soll damit ein „Aufbegehren“ der Frauen gegen das Establishment vermittelt werden. Mit diesem Satz wird der Anschein erweckt, als würden alle Frauen der Aussage zustimmen: „Wir haben unser Kind abgetrieben und das war gut so.“ Insgesamt erleben wir in der Bundesrepublik seit etwa drei bis vier Jahren eine von verschiedenen Seiten lancierte Reihe von Medien-Kampagnen mit dem Ziel, endlich jedweden gesetzlichen Schutz des ungeborenen Kindes vor einer Abtreibung aufzuheben. Letztlich sei der Entschluss, eine Schwangerschaft auszutragen oder nicht, doch allein Angelegenheit der betroffenen Frau. Die Entscheidung für oder
gegen das Kind wird als ein Akt der Selbstbestimmung verstanden, der Frauen heute noch immer verwehrt wird. In all diesen Veröffentlichungen werden jedoch die Erfahrungen zahlreicher Frauen verschwiegen, die diesen Schritt aus reiner Verzweiflung gegangen sind und deren Erleben nach dem Schwangerschaftsabbruch eben nicht in einem „Das war gut so“ geendet hat. Nicht wenige Frauen haben nur unter großen Schwierigkeiten in den Alltagsrhythmus zurückgefunden, manche von ihnen gar nicht.
Darüber hinaus wird aktuell lautstark gefordert, § 219a zu streichen, in dem das Werbungsverbot für Schwangerschaftsabbrüche geregelt ist. Es wird argumentiert, dass es Medizinern, die einen Abbruch durchführen würden, möglich sein müsse, Informationen über Abtreibung für Frauen im Schwangerschaftskonflikt publizieren zu können. Der argumentative und juristische Grat zwischen Werbung und Information ist hier sehr schmal.
Juristisch wurde inzwischen entschieden, dass Mediziner auf ihrer Website darüber informieren dürfen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Weitergehende Informationen auf den Websites z. B. über die angebotenen Methoden, sind jedoch weiterhin verboten, können aber über die Beratungsstellen und niedergelassene Gynäkologen erteilt werden. In der Ärzteschaft sind vor allem die Frauenärzte gut darüber informiert, wo Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Deshalb ist das Argument nicht zutreffend, Frauen könnten nur unter Schwierigkeiten zu Medizinern finden, die
dann den gewünschten Eingriff durchführen.
In diesen verschiedenen Kampagnen kommt neben der Frau mit ihrem Recht auf Selbstentfaltung das zweite zerbrechliche Leben, das ungeborene Kind, nicht einmal
am Rande vor. Der Embryo hat keine Fürsprecher in dieser neuerlichen Diskussion – das Kind bleibt lediglich stummes, zerbrechliches Opfer.
Schwangerschaftsabbrüche sind also tägliche, häufig unreflektierte Realität in unserer Gesellschaft. Sie geschehen nicht weit weg, sondern mitten unter uns, in jeder Gesellschaftsschicht, in nahezu jeder Kultur, in allen Religionsgemeinschaften. Frauen und Paare, die eine Schwangerschaft beendet haben, begegnen uns im Bekanntenkreis, am
Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft.
In Deutschland wurden in den letzten Jahren jährlich etwa 770.000 Kinder geboren [1] und etwa 100.000 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Etwa 38.000 der Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch 2020 haben durchführen lassen, waren verheiratet, etwa 58.000 waren ledig, insgesamt 71 % von ihnen waren zwischen 18 und 34 Jahre alt. Gut 40.000 der Schwangerschaften waren die ersten Schwangerschaften der Frauen, knapp 60.000 Frauen hatten schon mindestens ein Kind.
Aus Sicht des ungeborenen Lebens sind dies Zahlen des Schmerzes, der Traurigkeit und der Hilflosigkeit. Deshalb ist der erste Schritt, zum Leben zu helfen, Frauen in entsprechenden Konfliktlagen mit Hilfsangeboten und Alternativlösungen zur Seite zu stehen und wo immer möglich zu einer Entscheidung für das Kind zu beraten. Eine ganze Reihe von staatlichen, nichtstaatlichen und kirchlichen Hilfen und privatrechtlichen Organisationen bietet Unterstützung nicht nur in finanzieller Hinsicht für solche Notsituationen an.
Dabei stellt sich die Frage, welche Bedingungen dafür verantwortlich sind, dass Schwangerschaftsabbrüche häufig scheinbar alternativlos für notwendig erachtet werden und dass Frauen bzw. Paare gerade diesen Weg wählen. Daher ist es notwendig, nach den Ursachen zu forschen, auch um diesen unter Umständen entgegenwirken zu können.
Konfliktsituationen sind real
In der Bundesrepublik Deutschland ist eine Schwangere bei der Geburt ihres ersten Kindes inzwischen im Durchschnitt 31 Jahre alt. Bis dahin sind Frauen fast 20 Jahre lang zumeist allein dafür verantwortlich zu verhüten. Gleichzeitig bedeutet Verhütung immer auch Unsicherheit, denn nicht immer lässt sich selbst mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden eine ungewollte Schwangerschaft gänzlich ausschließen. Eine ungeplante Schwangerschaft trifft daher bei manchen Frauen und häufiger noch bei ihrem Partner bzw. in ihrem persönlichen Umfeld auf Ablehnung und führt zu Verunsicherung und Ängsten, die sich bis hin zu Panik steigern können. Zum Schutz des Kindes ist in Deutschland gesetzlich geregelt, dass mindestens drei Tage vor einem Schwangerschaftsabbruch eine Beratung in einer staatlich anerkannten Beratungsstelle stattfinden muss. Nach Vorlage eines Beratungsscheines darf dann ein Arzt bis zur 12. Schwangerschaftswoche den Schwangerschaftsabbruch vornehmen. Nach dieser sogenannten sozialen Indikation werden 96 % der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland durchgeführt. Zudem entstehen, ausgelöst durch die weit entwickelte vorgeburtliche Diagnostik (Pränataldiagnostik), zusätzliche, medizinisch indizierte Konflikte in Bezug auf die Austragung von Schwangerschaften mit Ungeborenen, die aufgrund von Behinderungen unterschiedlichster Ursachen und Ausprägungen von der in der Gesellschaft weitgehend akzeptierten Norm abweichen.
Als Alternative zu einem Schwangerschaftsabbruch besteht auch immer die Möglichkeit, das Kind auszutragen und es nach der Geburt einem Paar mit unerfülltem Kinderwunsch zur Adoption freizugeben, auch wenn diese Option am Ende selten genutzt wird.
Im Schwangerschaftskonflikt hängt es vor allem von der Vorprägung der Frau, von ihrem aktuellen Partner und von ihrem sozialen Umfeld ab, ob sie die anstehenden Konsequenzen einer Weiterführung der Schwangerschaft oder eines gegebenenfalls bevorzugten Abbruches ganz alleine bewältigen muss oder ob sie Unterstützung hat. Viele Frauen sehen sich mangels tragfähiger Mitverantwortung des Partners nicht in der Lage, ein vielleicht im
tiefsten Inneren doch willkommenes Kind letztlich austragen zu können. Zahlreiche Gesprächstherapeuten, Seelsorger und Hebammen berichten aus ihren Gesprächen mit Frauen nach Abtreibungen, dass diese sich förmlich zu diesem Schritt gedrängt gefühlt sahen, obwohl sie sich innerlich gewünscht hätten, es würde ihnen jemand zur Seite stehen, der ihnen zuspricht: „Mach dir keine zu großen Sorgen, hab keine Angst, zusammen schaffen wir das!“ Dabei sind es vor allem zwei intensive Emotionen, die
Frauen in den Zeiten eines solchen Konfliktes belasten: Die Angst und die Scham.
„Die Beweggründe, als Frau bzw. als Paar in einen Schwangerschaftskonflikt zu geraten oder den Weg des Schwangerschaftsabbruchs als Option gehen zu wollen, sind enorm vielschichtig. Erst wenn wir anfangen, Menschen zu begegnen, ihre Fragen und Ängste zu hören, sie zu verstehen, bekommen wir annähernd den Hauch einer Vorstellung davon, welche Tiefendimension ein Schwangerschaftskonflikt und eben aber auch ein durchlebter Schwangerschaftsabbruch in sich tragen kann.“
Angst
Eine der stärksten Triebfedern für menschliches Verhalten ist Angst. Bei manchen Frauen stellen sich bei einem positiven Schwangerschaftstest sofort verschiedene Ängste ein – Angst davor, allein für das Kind sorgen zu müssen, Angst vor ungeklärten Wohnverhältnissen, Angst um die Partnerschaft, Angst vor Ausgrenzung, Angst vor einer Behinderung des Kindes. Angst und Panik erhöhen sich noch, wenn z. B. der Partner die Frau vor die Wahl stellt: ich oder das Kind.
„Angst ist ein Feuer, das brennt, ohne dass man genau weiß, wo der erste Funke entfacht wurde. Die Angst reißt uns dort in die Tiefe, wo wir gerade noch dachten, festen Boden unter den Füßen zu haben.“
„Angst wird nicht mit dem Verstand überwunden, auch nicht mit guten Argumenten oder wertvollen Meinungen. Angst ist eine Emotion, ein Gefühl, eine Erinnerung an das, was einmal war und eine Furcht vor dem, was sein könnte. Angst kann dort überwunden werden, wo sie getröstet, wo sie gestillt wird.“
Nur wenn die betroffenen Frauen in ihrem Konflikt die Unterstützung wohlwollender Menschen an ihrer Seite erfahren, kann es gelingen, die Angst auslösenden Faktoren zu mindern, zu trösten und ihnen so eine andere Perspektive zu ermöglichen.
Scham
Neben der Angst empfinden schwangere Frauen, die sich in einem Schwangerschaftskonflikt
befinden, häufig auch Scham. Sie schämen sich dafür, dass sie ungewollt schwanger geworden sind und dass sie dem Kind nichts zu bieten haben. Sie schämen sich, überhaupt darüber nachzudenken, ihr Kind vielleicht wieder gehen zu lassen, bevor es natürlicherweise geboren würde – sind Kinder doch ansonsten im Allgemeinen erwünscht, gewollt, ja, ersehnt als Hoffnungszeichen und Freudeschenker. Demgegenüber ist die eigene Realität jedoch plötzlich eine andere. Wenn eine Frau bzw. ein Paar nun darüber nachdenkt, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen und eben nicht die Hoffnung und Freude empfindet, die „man doch normalerweise“ empfindet, dann entsteht Scham, dass man so anders reagiert als erwartet und dass man anscheinend zu schwach ist, das eigene Kind mittragen zu können.
In stark hierarchisch strukturierten Gesellschaftsgruppen oder Religionsgemeinschaften spielt Scham eine besonders starke Rolle, wenn eine Schwangerschaft außerhalb der dort gültigen Regeln entstanden ist. Dann sind die Scham und die Angst vor Ausgrenzung besonders groß, denn eine fortschreitende Schwangerschaft offenbart sich ja automatisch mit der Zeit selbst. Ein Schwangerschaftsabbruch erscheint dann zunächst als die beste oder gar einzige Lösung, dem Gruppendruck auszuweichen.
Das Erleben nach einem Schwangerschaftsabbruch
Etliche Frauen, die den Weg des Schwangerschaftsabbruches gegangen sind, haben ihn als den einzigen und besten Ausweg aus ihrer angst- und druckvollen, verzweifelten Lage gesehen. Manche Frauen erleben dann allerdings im weiteren Verlauf, dass durch den Abbruch zwar die Ursache ihrer Angst und Scham entfernt wurde, aber trotzdem für sie nichts mehr wie vorher ist. Solch ein tiefgreifendes Erleben hinterlässt immer Spuren, die manchmal erst nach einiger Zeit sichtbar oder bewusst werden. In nicht wenigen Fällen kämpfen Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch mit ihrer Trauer und dem durch ihre Entscheidung eigenen Beitrag am Geschehen. Ein Schwangerschaftsabbruch kann sogar eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nach sich ziehen. „Die PTBS tritt als eine verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis, eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes auf. Die Erlebnisse (Traumata) können von längerer oder kürzerer Dauer sein, wie z. B. schwere Unfälle, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen oder Kriegshandlungen, wobei die Betroffenen dabei Gefühle wie Angst und Schutzlosigkeit erleben und in Ermangelung ihrer subjektiven Bewältigungsmöglichkeiten Hilflosigkeit und Kontrollverlust empfinden.“[2]
In wie vielen Fällen sich nach einem Schwangerschaftsabbruch eine PTBS entwickelt, kann statistisch leider nicht nachgewiesen werden. Dies liegt zum einen daran, dass die Krankenkassen dafür keinen eigenen Behandlungs- und Abrechnungsschlüssel aufführen. Zum anderen tritt eine derartige PTBS häufig nicht sofort nach dem Ereignis auf, sondern erst im Laufe der Zeit, nach Monaten, manchmal gar erst nach Jahren. Zu einem solch späten Zeitpunkt eindeutig nachzuweisen, dass die PTBS weitgehend oder gar ausschließlich auf den Schwangerschaftsabbruch zurückzuführen ist, ist nahezu unmöglich und es wäre politisch auch nicht gewollt. Tritt jedoch eine PTBS auf, so sollte in diesem Fall unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.
Schuld
„Schuld nimmt einen größeren Raum ein, als wir es allgemein denken. Überall dort, wo wir über das Thema ‚Schwangerschaftskonflikt und Schwangerschaftsabbruch‘ ins Gespräch kommen oder ein eigenes Erleben dazu haben, scheint ein gefüllter Raum mit der zusätzlichen Präsenz der Schuldfrage schließlich aus allen Nähten zu platzen.“
„Sie wollen sich bestrafen oder werfen sich vor, dass sie ihr Kind nicht schützen konnten. Diese Gedanken nehmen so viel Raum ein, dass sich eine Schwere breit macht, die erst die Gedanken und dann auch die eigenen Handlungen beherrscht und schließlich die Betroffene komplett niederdrückt, sodass sie am Boden liegt.“
„Was bleibt, ist der Schmerz, die Leere, die Trauer, die Verwundung und das freie Puzzlestück, was in Konturen zwar erkennbar ist und gleichzeitig hier in dieser Welt von niemandem ausgefüllt werden kann: der Mensch, der durch einen Schwangerschaftsabbruch fehlt.“
In der modernen Gesellschaft wird das Thema Schuld sehr zurückhaltend, kritisch und manchmal als rein persönliches Problem der betreffenden Person wahrgenommen und ebenso auch diskutiert. Wenn Frauen sich in einer Beratungsstelle nach einem Schwangerschaftsabbruch öffnen und von Schuldgedanken und Schuldgefühlen sprechen, nehmen diese durchaus einen größeren Stellenwert ein, als es allgemein vermutet wird. Sie erzählen davon, dass sie unter den Folgen der damals getroffenen Entscheidung leiden und manchmal denken, damals falsch gehandelt zu haben. Religiöse Wertvorstellungen können hier eine Rolle spielen, müssen es aber nicht. Systematische Untersuchungen, warum ein Schwangerschaftsabbruch im Nachhinein als Schuld empfunden wird, fehlen leider, weil es seit vielen Jahren unerwünscht ist, mehr über die Auswirkungen und Spätfolgen von Schwangerschaftsabbrüchen auf die betroffenen Frauen zu erforschen. So wurde z. B. eine geplante Studie zu diesem Thema von einer daran interessierten Wissenschaftlerin letztendlich nicht durchgeführt, weil sie befürchtete, danach keine Drittmittel mehr für andere Forschungsvorhaben zu bekommen.
Trauer und Liebe
„Tränen fließen zahlreich in dem inneren Prozess einer Entscheidungsfindung, das eigene Kind bekommen zu können, oder eben auch keinen anderen Ausweg zu finden als den des Schwangerschaftsabbruches. Die Frau setzt am Ende alleine ihre Unterschrift unter das Protokoll der Beratung zum Schwangerschaftsabbruch, nicht der Partner, nicht der Arzt oder jemand, der auch Teil dieses gesamten Prozesses ist. Dabei ist es häufig nicht die alleinige Entscheidung der Frau. Oft ist es einfach ein ‚geschoben werden‘, ein Drängen, ein Druck von Familie oder Partner oder ein Schweigen, dort, wo gute Worte so wohltuend gewesen wären.“
Das Gefühl der Trauer ist eine unmittelbare Reaktion auf einen Verlust, und seine Intensität hängt von der subjektiven Bedeutung des Verlustes ab. Sie fragt nicht nach einem objektiven Wert des Verlustes oder nach Erlaubnis oder Berechtigung. Dennoch meinen manche Außenstehende, dass die Trauer der Frau bzw. des Paares nach einem Schwangerschaftsabbruch keine Berechtigung habe, weil sie mit ihrer Entscheidung den Verlust selbst herbeigeführt haben. Die Erfahrung von Menschen, die einen Schwangerschaftsabbruch durchlebt haben, ist jedoch eine andere. Wie alle anderen Menschen auch empfinden sie Trauer über den Verlust ihres Kindes.
„Der Verlust des eigenen Kindes durch Schwangerschaftsabbruch ist ein Verlust, der wahrgenommen wird und der betrauert wird, wobei der eigene Anteil daran ein wesentlicher Grund zur Traurigkeit ist. Menschen, deren Kind durch einen Schwangerschaftsabbruch nicht zum Leben kam, dürfen trauern, müssen trauern können. So oft, so lange und auch in jeder Art und Weise, wie es dem eigenen Herzen nah ist. Trauer drückt die Würde und den Wert des Kindes sowie die Liebe der Eltern aus. Aus dem ‚Etwas‘, also dem positiven Schwangerschaftstest oder der Schwangerschaft, wird in der Trauer ein ‚Jemand‘, das eigene Kind.“
„Trauer offenbart Liebe. Aus irgendeinem Grund nehmen wir an, dass Menschen, die einen Schwangerschaftsabbruch erlebt haben, ihre Kinder nicht lieben könnten. Aber Liebe war immer da, auch wenn sie vielleicht zwischen den ganzen Ängsten, Gedanken und Umständen übersehen oder überhört wurde, so war sie mehr oder weniger dennoch von Beginn an da und bleibt.“
An den Grenzfragen von Leben und Tod entscheidet sich unsere Menschlichkeit.
Mutter und Kind: zwei Leben, die nicht gegeneinander aufgewogen werden können. Das eine Leben entscheidet über das andere Leben. Die Selbstbestimmung der Frau oder das Lebensrecht des Kindes – was wiegt schwerer?
Wie kann man gegeneinander aufrechnen, was nicht aufzurechnen ist? Genau vor dieses Dilemma sind die Frauen jedoch im Schwangerschaftskonflikt gestellt.
Wie sollen außenstehende Menschen sich dazu verhalten? Für die Autoren des Sterns wiegt die Selbstbestimmung der Frau schwerer als das Lebensrecht des Kindes. Aus christlicher Sicht ist menschliches Leben generell kostbar und wertvoll, daher bedarf es im Konfliktfall sensibler, verantwortungsvoller Begleitung, um beiden Leben gerecht zu werden. Als Schöpfer liebt Gott jedes Leben, verleiht ihm Würde und stellt sich gerade auch zu den Schwachen und den Zerbrechlichen. So erfahren es Christen von ihrem Gott her und so schauen sie folgerichtig auf das Leben ihrer Mitmenschen, ganz nach dem Vorbild, das Jesus Christus durch sein Leben gab. Jesus wandte sich bewusst denen zu, die keine Stimme hatten, die ausgegrenzt waren, die in der Gesellschaft wenig oder gar nicht geachtet wurden und ihn deshalb besonders brauchten. In den Geschichten, die uns in der Bibel überliefert sind, entdecken wir Jesus als einen Tabubrecher. Er stellte Kinder als Vorbild dar, sprach mit Prostituierten und stellte eine von ihnen sogar einem selbstgerechten Gesetzeslehrer als Vorbild vor Augen. Er ließ sich von einer Frau in der Öffentlichkeit ansprechen und sogar überreden, ihre Tochter zu heilen, überzeugte eine Gruppe von aufgebrachten Sittenwächtern davon, eine Ehebrecherin nicht zu steinigen, ging auf Aussätzige zu, aß mit Zöllnern, rechtfertigte Arbeit am Sabbat und widersprach unbarmherzigen Gesetzeslehrern. Einige der Beispiele empfinden wir heute nicht mehr als Tabubruch, in damaliger Zeit waren sie dies aber durchaus.
In unseren Tagen würde Jesus sich sicher zuerst den ungeborenen, aussortierten, kranken, nicht der Norm entsprechenden Kindern zuwenden, die bei uns alljährlich getötet werden. Doch genauso unzweifelhaft würde er sich auch mit aller Liebe und Fürsorge des Schmerzes und der Trauer der Frauen annehmen, die keinen anderen Ausweg aus dem Konflikt mehr gesehen haben als den des Schwangerschaftsabbruches.
Barmherzigkeit fragt nicht nach Schuld oder Unschuld
Einen Schwangerschaftsabbruch durchlebt zu haben, ist auch heute noch ein Tabu! Warum wird darüber nicht offen gesprochen? Was verdrängen wir hier oder was wollen wir uns „vom Hals halten“? Hier stehen wir vor der großen Herausforderung, Wege zu finden, uns diesen Themen dennoch zu stellen. Können wir uns der Realität von Schwangerschaftsabbrüchen stellen und wie können wir die Verwirrung, die Zweifel und das Leid der Frauen und Paare aushalten und ihnen Raum geben, von ihrem Kummer zu reden?
Jesus ging es immer zuerst um die Menschen. Sein großer Auftrag war die Rettung aller Menschen, dafür gab er sogar sein Leben. Während seiner Auseinandersetzungen mit gesetzlich argumentierenden Schriftgelehrten schleuderte er ihnen zwei Mal (vgl. Matthäus 9,13 und 12,7) einen alttestamentlichen Vers (vgl. Hosea 6,6) entgegen: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.“ Im Gleichnis des barmherzigen Samaritaners wird von einem unbekannten überfallenen Hilfebedürftigen berichtet, und es wird gar nicht danach
gefragt, ob er nach den geltenden Regeln ein guter Mensch ist oder nicht. Egal, ob er schuldig oder nicht schuldig ist – in seiner Not verdient er Barmherzigkeit. Barmherzigkeit verleugnet nicht, dass ein Mensch unter Umständen Schuld auf sich geladen hat, aber mit Barmherzigkeit schauen wir zuerst auf den Menschen, dann in den Spiegel und erst zum Schluss mit der gleichen Sicht, die Jesus auf die Menschen hatte, auch auf die Schuld, für die Jesus vollumfassende Vergebung anbietet. Wo wir als Mitmenschen in der Lage sind,
gleichermaßen auf die verlorenen Kinder wie auf die Frau bzw. das Paar zu schauen, die den Schwangerschaftsabbruch verantworten, holen wir von Gott geliebte Menschen in ihrer Angst, ihrer Scham und auch in ihrer Schuld ab. In einer auch als schuldbehaftet erlebten Situation ist es möglich, sich von Gott her Vergebung für die Schuld zusprechen zu lassen. Der schwierigste Schritt darüber hinaus ist jedoch, sich selbst zu vergeben, denn hier wird deutlich, dass die Frau bzw. das Paar nicht nur das eigene Kind verworfen und damit gleichzeitig verloren hat, sondern dass sie sich selbst durch den eigenen Anteil an dieser Entscheidung nicht selten auch Schaden zugefügt haben, den sie letztendlich wiederum betrauern und für den sie wiederum Trost finden dürfen.
Fazit
Für Frauen und Paare, die vor der Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch stehen, ist es entscheidend, dass ihnen tatkräftige Hilfe zuteilwird. Es gilt, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die werdenden Eltern für das Kind entscheiden können.
Wo Menschen hinhören und mitfühlen, kann den betroffenen Frauen und Paaren der Weg zu neuer Perspektive eröffnet werden, zu neuem Lebensmut, zu einem neuen Leben. So können Wunden heilen, Vergebung von Schuld erfahren werden und neuer Selbstwert wachsen. Wenn wir gemeinsam dazu in der Lage sind, dann kann Zerbrochenes tatsächlich wieder heilen.
Die Zitate stammen von einer Beraterin in einer Anlaufstelle für Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch erlebt haben.
Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland im Jahr 2020:

Endnoten
[1] Statistisches Bundesamt, Geburten. Veränderung der Zahl der Lebendgeborenen zum jeweiligen Vorjahr, unter https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten/Tabellen/lebendgeborene-differenz.html, zuletzt abgerufen am 19. Juni 2021.
[2] Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?, unter https://www.neurologen-und-psychiater- im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik psychotherapie/erkrankungen/posttraumatische-belastungsstoerung-ptbs/was-ist-eine-posttraumatische-belastungsstoerung-ptbs/, zuletzt abgerufen am 19. Juni 2021.



