Ohne Koffer, ohne Handy, ohne Geld ... Wie gelingt die letzte Reise? Von der Kunst, menschenwürdig Abschied nehmen zu können – Ulrich Kühn
Oft wird das Leben als eine Reise beschrieben. Es gibt verschiedene Etappe mit Höhen, Tiefen und allem zwischendrin. Allzu oft wird dabei vergessen, dass in der eigenen Lebensgeschichte auch das Sterben ein eigenes Kapitel darstellt. Doch wie bereitet man sich auf das Sterben und den eigenen Tod vor? Was hilft gegen Ängste und Sorgen? Was gibt es zu bedenken? Pastor Ulrich Kühn gibt in diesem Artikel wertvolle Tipps, wie die letzte große Reise gelingt.
Genre: Aufsatz (12 Seiten)
Disziplin: Lebensratgeber
Charakter: seelsorgerlich, beratend
Quelle: Kühn, Ulrich, Ohne Koffer, ohne Handy, ohne Geld ... Wie gelingt die letzte Reise? Von der Kunst, menschenwürdig Abschied zu nehmen, in: Warum es auf manche Lebens?fragen keine einfachen Antworten gibt, Hg. Friedhelm Loh/Detlev Katzwinkel, Witten 2021, 145-156

Für alle Lebensphasen und ihre Krisen gibt es Ratgeber. Sie wollen zum Gelingen des Lebens beitragen. Sterben ist ein Teil des Lebens und so lässt sich hier konkreter fragen: Gibt es auch ein gelingendes Sterben und was wäre dabei zu raten? Wie sollte man sich auf die letzte Reise vorbereiten? Worauf gilt es zu achten?
Solche existenziellen Fragen können manchem auch Stress und Druck machen. Muss man jetzt auch noch dafür sorgen, dass das Sterben gelingt? Hat das Leben bisher nicht schon genug Mühe gekostet? Steht nun auch der letzte Abschied unter dem Diktat, dass er gelingen soll? Geht es letztlich um Kontrolle bis zum letzten Atemzug? Und – entzieht sich nicht gerade das Sterben der für die Lebensgestaltung so wichtigen Kontrolle und ist deshalb das Ansinnen, es möglichst gelingend zu meistern, nicht völlig fehl am Platz? Und überhaupt: Wann gelingt ein Sterben, wann nicht und wer beurteilt das? Andererseits kann gerade der Wunsch bestehen, ein Leben zu einem guten Ende zu bringen, es gut abzuschließen. Das gilt wohl vor allem, wenn es als ein wertvolles, erfülltes Leben gelebt wurde. Gerade wenn uns die Einmaligkeit des letzten Lebensabschnitts bewusst ist, mag ein gelungener Abschied für einen selbst als Betroffenen, wie für die, die man zurücklässt, etwas abrunden und zu einem guten Ende bringen. So bleibt Platz für Erinnern und gegenseitige Wertschätzung unter geliebten Menschen.
Tatsache ist und bleibt, im Leben wie im Sterben, dass wir als Menschen dazu bestimmt sind, unser Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Aus dieser Nummer kommt keiner raus. Und da Sterben ein Teil des Lebens ist, gehört auch dieser Abschnitt der Lebensreise mit dazu. Wie kann der Lebensreisende auch das letzte Stück seines Weges so gestalten, dass es für ihn zu einer guten Etappe werden kann? Auf was wäre dabei zu achten? Freilich sind die folgenden Anregungen nicht so gemeint, dass nun auch das Sterben dem in unserer Gesellschaft üblichen Optimierungswahn genügen soll.
Die letzte Reise beginnt mit der Ahnung, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis das Leben zu Ende geht. Manchmal tritt diese Ahnung mit dem Gedanken ins Bewusstsein, dass dies vielleicht der letzte Sommer war. Ein anderer sagt, dass er den nächsten Geburtstag wohl nicht mehr erleben wird. Mancher nimmt die Natur oder familiäre Feste und Ereignisse in dem Bewusstsein wahr, sie nun vielleicht das letzte Mal zu erleben. Jemand anderes kommt ins Krankenhaus und spürt, dass er es nicht mehr lebend verlassen wird. Nicht
immer werden solche Ahnungen ausgesprochen und nicht immer treten sie ein.
Für manche ist diese letzte Wegstrecke von körperlichen Beschwerden begleitet oder gar durch eine Krankheit veranlasst. Immer wieder schaffen es Sterbende auch, aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen, dass sie sich längst auf dem Weg ins Grab befinden. Selbst in der so genannten präfinalen Sterbephase machen sie noch Pläne für die Zukunft.
Wie genau bestimmt man aber, wer als Sterbender zu bezeichnen ist? Ein Sterbender ist ein Mensch, bei dem zwei Faktoren zusammenkommen: a) Es liegen organische Schädigungen oder andere Umstände vor, aufgrund derer er mit größter Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zeit sterben wird. b) Der Mensch ist sich dessen bewusst, d. h. er begreift, dass dieses Sterbe-Bewusstsein sein Erleben und Verhalten bestimmt. Bei dieser Bestimmung sind mit dem zugefügten Hinweis „oder andere Umstände liegen vor“ auch Suizidenten (Selbstmord-Willige) miterfasst. Auch sie gelten als Sterbende, obwohl keine Krankheit ihren Tod verursacht, sondern dieser selbst herbeigeführt werden soll.
Das war mein Leben!
Wer sein bevorstehendes Lebensende in den Blick nimmt, der schaut zurück. Er will sich vergewissern, was das für ein Leben war, das nun zu Ende gehen wird. Das Bedürfnis, das bisher gelebte Leben noch einmal anzuschauen und als Ganzes zu betrachten, rückt in den Vordergrund. Um das Ende unseres Lebens aushalten oder gar annehmen zu können, bedürfen wir der Vergewisserung, dass wir unser Leben gelebt haben. Um aushalten und annehmen zu können, dass ich bald nicht mehr sein werde, bedarf es der vergewissernden
Erinnerung, dass ich war und dass ich der geworden bin, der ich nun bin. Zur Bewältigung des Sterbens gehört Erinnerungsarbeit. Um das Leben loslassen zu können, muss ich mir bewusst machen, was ich durch Sterben loslassen werde. Wir möchten verstehen, wer wir sind, indem wir verstehen, wer wir waren und nunmehr geworden sind, und indem wir fragen: Wer werde ich sein?
Der Weg der Vergewisserung geht über Worte und Sprache. Das Leben will noch einmal „in den Mund“ genommen werden. Sterbende haben das Bedürfnis, von ihrem Leben zu erzählen. Dabei kommen besonders die Erlebnisse zur Sprache, von denen sie bisher nicht gesprochen haben, weil sie zu schmerzlich und zu belastend waren. Erfahrungen der frühen Jugend, z. B. Flucht, Vertreibung, Gewalterfahrungen und Leid, das auch anderen zugefügt wurde, treten ins Bewusstsein und wollen an- und ausgesprochen werden.
Bei meinen Besuchen als Klinikseelsorger lerne ich Herrn Kreiner (84) kennen. Bei meinem ersten Besuch begrüßt er mich: „Gut, dass Sie kommen, Herr Pastor. Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“ Er holt aus dem Nachttisch ein Foto seiner verstorbenen Frau hervor. Mit glänzenden Augen erzählt er: „Sie war Künstlerin. Was hat sie für tolle Bilder gemalt. Wunderbar.“ Dann fügt er traurig hinzu: „Sie hat mich vor ein paar Jahren verlassen. Dieses Bild trage ich immer bei mir.“ Er schiebt die Schublade wieder zu, schaut mich kurz an, macht eine Pause und fängt an zu weinen. Wie von selbst bricht es aus ihm heraus: „Was haben wir damals für ein Unheil angerichtet. Es war Krieg, ja, aber wir haben viel Leid über die Menschen gebracht. Wenn ich nur daran denke. Ich kann es immer noch nicht fassen.
Was waren wir dumm, damals. Das kann man niemandem wirklich erzählen.“ Er erzählt dann doch von Kriegserlebnissen. Er schämt sich nicht seiner Tränen, Selbstvorwürfe und Erschütterung. Nach einer Weile hat er sich wieder beruhigt. Bei meinem zweiten Besuch ein paar Tage später fügt er noch einige Erlebnisse als Soldat hinzu, ist aber nicht mehr so von seinen Erinnerungen ergriffen. Mein Eindruck bei beiden Besuchen war, dass er endlich über das sprechen konnte, was er bisher nicht losgeworden war, und dass er nun bald sterben würde. Er hatte einen Menschen gebraucht, der diese Schilderungen mit ihm aushält. Herr Kreiner wurde noch einmal in ein anderes Krankenhaus verlegt und
starb dort zwei Wochen später.
Das Aussprechen hat eine seelisch heilsame Bedeutung, eine integrierende Funktion. Indem ich mich mitteile, erfahre ich, was zu mir gehört und wer ich bin. Indem ich mich äußere, werde ich mir dessen bewusst, was in mir ist. Im Aussprechen begegne ich mir selbst und erfahre, wer ich bin. Sterbende brauchen Menschen, die ihnen zuhören und bereit sind, mit ihnen auszuhalten, was so lange in der Seele verborgen gehalten wurde. Aufmerksamkeit und Interesse des Zuhörers ermöglichen diesen wertvollen und notwendigen Prozess des Abschiednehmens. Sterbende benötigen Begleiter auf dieser letzten Strecke, jemanden, der mit ihnen auch durch die schmerzlichen Erinnerungen geht.
Häufig sind das gerade nicht Angehörige und Freunde, sondern Menschen, die außerhalb des sozialen Netzwerkes stehen. Seelsorger und Hospizmitarbeiter werden deshalb bevorzugt von Sterbenden als Wegbegleiter gewählt. Ein solches Gespräch ist aber kein einseitiger Gewinn, sondern eine beidseitige Bereicherung. Wohl dem, der einen verständnisvollen und anteilnehmenden Gesprächspartner für seine Selbstvergewisserung findet.
In der Lebensbilanz angesichts des nahenden Todes tauchen nicht nur schmerzhafte Erlebnisse aus der Erinnerung auf, sondern auch das so genannte ‚ungelebte Leben‘. Ungelebtes Leben gehört zum Menschsein dazu. [1] Es zeigt sich als Versagung, Versäumnis und als ein Verpassen. Manche Menschen erinnern sich daran, dass sie Lebenschancen nicht genutzt haben, weil sie sich ihnen aus Angst verschlossen haben. Das Bewerbungsgespräch von damals tritt vor das innere Auge und die Absage des reizvollen und lukrativen Jobs meldet sich schmerzhaft als Selbstvorwurf: „Ich hätte es zu weit mehr bringen können, wenn ich damals nur nicht so ängstlich und zaghaft gewesen wäre. Hätte ich die Chance ein paar Jahre später noch einmal bekommen, ich hätte sofort zugesagt.“
Andere spüren noch einmal deutlich, dass sie hinter ihren Erwartungen an das Leben zurück geblieben sind. Ein bisschen mehr Mühe und Anstrengung, und man hätte mehr aus dem Leben machen können. So blieb es nur bei der zweiten Wahl. Manchmal waren es äußere Umstände, die verhinderten, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Eine Krankheit kam dazwischen, und das Verpasste lässt sich nicht mehr nachholen. Vorwürfe gegen das Schicksal, die Gesellschaft oder auch gegen Gott machen sich breit. Nur eine schonungslose Aufrichtigkeit und die ungeschminkte Anerkennung („Ja, das war ich!“) helfen hier weiter. Trauern ist angesagt. Im Trauern um die nicht gelebten Lebensmöglichkeiten kann die Seele loslassen. Trauern ist das Gefühl, das den Verlust annimmt und die Kraft entfaltet, mit dem Verlorenen zu leben und nun auch sterben zu können.
Die Kraft der Versöhnung erleben
Das Ende unseres Lebens fordert uns heraus, Stellung zu beziehen. Je näher es rückt, umso dringender wird die Auseinandersetzung damit. Das Sterben kann als ein unabänderlich naturgegebenes Schicksal bejaht oder bis zuletzt geleugnet, überspielt und verdrängt werden. Ein Bejahen mag dabei auf der Einsicht beruhen, Teil einer größeren Ordnung von Leben und Sterben zu sein. Man fügt sich in den Lauf der Natur ein. Für viele Sterbende ist die letzte Wegstrecke mit Krankheit verbunden oder gar durch eine solche veranlasst. Die körperlichen Veränderungen zu bejahen und sich mit dem Verfall des Körpers zu versöhnen, ist die besondere Herausforderung, aber auch Chance und Aufgabe in dieser Lebensphase. Dabei kann es manchen sehr schwerfallen, diesen Zustand auszuhalten, vor allem dann, wenn unterschiedliche körperliche Schmerzen ihn begleiten und die Lebensqualität bestimmen. Auch kann es sehr viel Kraft kosten, immer wieder neu Frieden zu schließen mit den stetig enger werdenden Grenzen der Beweglichkeit und der schwindenden Selbstständigkeit. Dennoch lohnt es sich, diese Wegstrecke versöhnlich zu beschreiten und immer wieder neu anzunehmen, was jetzt im jeweiligen Moment Tatsache ist.
Längst vergessene und weit zurück liegende Schuld meldet sich noch einmal. Was in familiären Beziehungen misslungen ist, schiebt sich als noch nicht vergebene Schuld in den Vordergrund. Man ist einander etwas schuldig geblieben und aneinander schuldig geworden. Über Jahre geschürter Streit über verletzende Ungerechtigkeiten oder als Unrecht empfundene Behandlung erhalten in dieser Phase die Chance auf einen versöhnlichen Abschluss. Nicht nur der Sterbende, der an anderen schuldig geworden ist, hofft auf Vergebung und Frieden in der Beziehung. Auch die betroffenen Familienmitglieder wünschen sich häufig, dass endlich Friede einkehrt in das Verhältnis z. B. zur sterbenden Mutter oder Schwester, zum sterbenden Vater, Bruder oder Onkel. Vergeben bedeutet nicht vergessen! Wer vergibt, hält die Vergangenheit des anderen nicht als einen Vorbehalt fest, diesen Menschen anzunehmen. Vergebung heißt nicht das Ja zu einer vergangenen Schuld, wohl aber das Ja zu einem Menschen mit seiner vergangenen Schuld.
Manchem fällt es leichter, auf dem Sterbebett anstatt mitten im Leben um Verzeihung zu bitten und diese auch für sich selbst anzunehmen. Nicht immer gelingt das rechtzeitig. Es ist daher ratsam, den Zeitpunkt für ein versöhnliches Gespräch nicht zu lange aufzuschieben.
Versöhnung kann sich im Zuge der Lebensbilanz auf das ganze Leben ausdehnen. Frieden zu schließen mit dem, was war, und mit dem, was nicht gewesen ist, hilft, auf das Ende zuzugehen. Über manche Entscheidungen in unserem Leben sind wir glücklich, andere machen uns Mühe. Wollen wir uns vor allem mit den eigenen ‚Fehlentscheidungen‘ versöhnen, oder wollen wir uns kraft der Erinnerung daran innerlich immer wieder wund reiben? Fühlen wir uns, als wären wir an unseren Plänen und Zielen endgültig gescheitert, oder können wir Frieden mit dem nicht mehr korrigierbaren Lebensverlauf schließen?
Christen kann hier ihr Glaube eine Kraftquelle sein, ist er doch für sie ein Ausdruck der Versöhnung, die Jesus Christus als Sohn Gottes gestiftet hat. Gott spricht dem Menschen als Geschöpf seinen Frieden zu. Der christliche Glaube kann so auch in die Versöhnung mit dem gelebten Leben führen, gerade auch an seinem Ende. Wer sich auf diese Bedeutung des Glaubens im Sterben stützen kann, dem fällt es oft leichter, ein Ja zu seinem Lebensende zu finden.
Für das christliche Bekenntnis gilt, dass die Beziehung zu Christus auch im Sterben und im Tod, ja, über diesen hinaus erhalten bleibt. Diese Hoffnung gründet in der Beziehung zu Jesus Christus, wie sie in der Taufe angenommen wird. Mit der ganzheitlichen Zueignung des Heils teilt der Täufling fortan Jesu Schicksal in Leben und Tod. In der Verbindung mit Jesus Christus liegt die tröstliche Hoffnung, auch im Tod bei ihm gut aufgehoben zu sein. Der Christ lebt hingegeben an den dreieinen Gott und vertraut seiner Barmherzigkeit (vgl. Römer 12,1). Die im Taufritual vollzogene Übereignung an Christus löst dabei die leibliche Erfahrung von Tod und Sterben als den letzten Bezugspunkt seines Lebens ab. Der Getaufte ist Eigentum Gottes, solange er lebt, und bleibt es gerade auch dann, wenn er stirbt. Beides, Leben und Sterben, sind in Christus aufgehoben. [2] In dieser Gewissheit kann ein Christ, eine Christin persönlich bekennen: „Meine Todesstunde ‚gehört‘ jenem, dem auch mein Leben ‚gehört‘, dem schöpferischen und dem Menschen gnädig zugewandten Gott. Meine Todesstunde gehört insofern mir, als mein Tod zu mir gehört. Ich aber gehöre Gott. Mei Leben und mein Sterben sind in Gott aufgehoben.“ Sterben bedeutet nun, in die offenen Arme Gottes hinein zu sterben, der eine Hoffnung auf ein Leben in seiner heilsamen Gegenwart, ohne Trauer, Leid und Tod verheißt.
Auch Menschen mit anderem religiösen Hintergrund versuchen sich zum Ende ihres Lebens mit dem, was hinter ihnen liegt, zu identifizieren. Die Gesamtheit des Erlebten und Gelebten hat letztlich das eigene Sein ausgemacht, in irgendeiner Form vielleicht sogar ein Ganzes ergeben, das nun abgeschlossen werden kann.
Das Leben als ein Ganzes betrachten
Im Laufe des Lebens versuchen die Menschen ihr Leben zu verstehen. Sie suchen nach dem Sinn von oftmals zufälligen und sinnlos erscheinenden Ereignissen, die ihr Leben prägen. Manchmal bleibt einem der Sinn verschlossen. Manchmal wird er erst nach Jahren, wenn überhaupt, entdeckt. Warum musste ich mein Kind verlieren? Warum ist der Partner schon so früh gestorben? Warum habe ich diese Behinderung? Und warum, warum, warum …? Die Liste ist bei manchen Menschen recht lang geraten. Blicken sie aus einem größeren Abstand, aus dem Blickwinkel einer späteren Lebensphase auf unverstandene Lebensereignisse und Schicksalsschläge, so erwächst im Nachhinein häufig eine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Manche Wege und Umwege erscheinen rückblickend durchaus sinnvoll, manche bleiben bis zuletzt unverständlich.
Diese so genannte „Sinnerfassungskapazität“ wächst oft mit zunehmendem Alter und reift im Angesicht des Todes bei manchem zu ihrem Höhepunkt. Aus dieser letztmöglichen Perspektive lässt sich das Leben rückblickend als ein Ganzes betrachten. Sinn entsteht, wenn Dinge miteinander in einen Zusammenhang gebracht werden. Der Blick auf das Leben als Ganzes stellt biografische Ereignisse in diesen Gesamtzusammenhang des Lebens und ein bisher verschlossener Sinn in den Erfahrungen erschließt sich. Das ist natürlich nicht immer zwingend der Fall. Bei entsprechendem geistigem Vermögen und
kognitiver Klarheit enthält ein solcher Rückblick jedoch die Chance, sich selbst und sein gelebtes Leben besser als bisher zu verstehen und Sinn auch dort zu erkennen, wo er bisher verschlossen blieb.
Dennoch bleibt das Leben auch aus dieser Perspektive immer ein Fragment, ein unvollständiges und unvollendetes diesseitiges Geschehen. Es bleibt letztlich Gott vorbehalten – so beschreibt es der christliche Glaube –, irdisches Leben in ein vollkommenes, vollständiges und dann himmlisches Leben zu verwandeln. [3]
Angst bewältigen und Abschied nehmen
Wer vor den Toren der Ewigkeit steht, kann es auch mit der Angst zu tun bekommen. In der Angst des Sterbenden vor seinem Tod dominiert die Verlustangst, nun das eigene Leben zu verlieren und nicht mehr da zu sein. Diese existenzielle Bedrohung des eigenen Lebens wird in der Begegnung mit dem Tod in seiner ganzen Dramatik durchlitten. Viel mehr noch als die Angst vor dem Tod kann jedoch die Angst vor dem Sterben quälen. Angst vor körperlichen Schmerzen, vor Ohnmacht, vor Kontrollverlust, vor dem Angewiesensein auf andere Menschen, vor Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein treten in das Bewusstsein und bestimmen das emotionale Geschehen im Sterbeprozess. Dabei kann die Angst je nach biografischer Vorerfahrung individuell sehr unterschiedlich intensiv erlebt werden. Am Lebensende kann die Angst vor den drohenden Verlusten den Sterbeprozess bestimmen.
Sterben bedeutet Abschied nehmen. Und Abschied nehmen bedeutet Verlust und das macht Angst. Dass dieser kommende Verlust ein endgültiger ist, wird dem Sterbenden im Angesicht des Todes besonders bewusst. Die emotionale Verbundenheit mit den Allerliebsten, der Familie, den Freunden wird keinen Ausdruck mehr finden können und daher für immer abreißen.
Auch hier kann der christliche Glaube eine Trost- und Kraftquelle sein. Der Evangelist Lukas berichtet davon, wie Jesus um seine Einwilligung ins Sterben rang, als er den Tod auf sich zukommen sah: „Todesangst überfiel ihn und er betete noch angespannter. Dabei tropfte sein Schweiß wie Blut auf den Boden“ (Lukas 22,44; Basisbibel). Sogar für Christus war sein Ja zum Sterben nicht einfach selbstverständlich, sondern er hat es durchlitten, und so kann sich jeder, der sich ihm anvertraut, in seinem eigenen Kampf um ein Ja zum Sterben seiner Gegenwart, seines Verständnisses und seines Beistandes gewiss sein.
Abschiednehmen kann aber auch sehr konflikthaft als ein Pendeln zwischen Festhalten und Loslassen erlebt werden. Manchem gelingt es eben nicht, diesen Konflikt bewusst zu lösen. Die Seele hat durch das Träumen die Möglichkeit, einen unbewussten Weg zu wählen. Träume treten häufiger in Übergangsphasen des Lebens auf, so wie es bei Heinz (82) der Fall war. Er lebte allein in der oberen Etage seines Hauses; die untere bewohnte die Tochter mit ihrem Mann. Heinz war sehr krank, und es schien, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Als Pastor besuchte ich ihn gelegentlich. Er erzählte aus seinem Leben und immer wieder stolz von seinem Haus, das er mit eigenen Händen gebaut hatte. Ich gewann den Eindruck, dass mein Besuch zunehmend den Charakter einer Sterbebegleitung annahm. Auf der bewussten Ebene schien er bereit zu gehen, und manchmal freute er sich sogar auf den Himmel. Die Rührung in seinen Augen bei diesem Ausblick war nicht zu übersehen.
Nach einem Krankenhausaufenthalt – die Angehörigen rechneten schon nicht mehr damit, dass er ihn überleben würde – erholte er sich jedoch wieder ein wenig. Dabei kam mir die Frage, was ihm den Abschied aus diesem Leben so schwer machte, zumal er eine große Erleichterung für ihn wäre. Ob er doch zu sehr an seinem Leben, an seinem Haus, seinem Lebenswerk festhielt und es nicht loslassen konnte? Befand er sich möglicherweise in einem Loslösungskonflikt? Einerseits stand er vor der Aufgabe, sich von seinem Leben zu verabschieden, und andererseits wollte er festhalten, was ihm lieb und teuer war – sein Haus. Wieder zu Hause erzählte er mir einen Traum, den er vor ein paar Tagen träumte: Ich gehe noch einmal durch jedes Zimmer meines Hauses und sehe sie mir genau an. Ich erinnere mich dabei noch einmal daran, wie alles entstanden ist. Wenige Tage nach diesem Besuch starb Heinz. Als ich davon erfuhr, fiel mir sofort sein Traum ein. Die Nachricht bestätigte, was ich bei meinem letzten Besuch nur ahnte. Im Traum hatte Heinz sich von seinem Haus verabschiedet. Bewusst war er dazu nicht in der Lage. Bewusst hatte er seinen Abschiedskonflikt nicht gelöst. Diese Aufgabe hatte sein Unterbewusstsein übernommen. Dieser Teil seiner Seele hatte für ihn geschafft, was er im Wachbewusstsein nicht vermochte. Der Traum löste den inneren Konflikt.
Den Weg eigenverantwortlich zu Ende gehen
Nach christlichem Verständnis ist das Leben ein Geschenk des Schöpfergottes an den Menschen. Mit der Gabe des Lebens ist die Aufgabe einer verantwortlichen Gestaltung verbunden. Wir sind dazu bestimmt, unser Leben als Menschen zu bestimmen, d. h. immer wieder Entscheidungen zu treffen, die auf uns selbst zurückwirken bzw. Folgen haben. Gott traut dem Empfänger des Lebens zu, dieser Verantwortung und Aufgabe gewachsen zu sein. Dies gilt auch für die Gestaltung des letzten Weges, insbesondere solange wir mental dazu in der Lage sind, doch auch Demenz-Kranke haben eine Ahnung von diesem
letzten Schritt. Dabei kann die Selbstbestimmung auch in Situationen hineinreichen, in denen wir faktisch nicht mehr ansprechbar und entscheidungsfähig sind. Der Gesetzgeber hat dazu die rechtlich verbindliche Möglichkeit der Vorausverfügung (Patientenverfügung) und die Übertragung der Entscheidungsbefugnis an einen dazu Bevollmächtigten (Vorsorgevollmacht, Generalvollmacht) geschaffen. Beides sind mögliche Formen, die Eigenverantwortung zu gestalten, aber keine notwendigen oder gebotenen Möglichkeiten.
Zuweilen beobachte ich, dass Patienten und vor allem Patientinnen die Verantwortung
für die Gestaltung des letzten Weges an Angehörige abgeben, obwohl sie selbst sehr wohl noch in der Lage sind, diese wahrzunehmen. Die Motive dazu sind unterschiedlich. Bei manchen ist es Bequemlichkeit. Es ist unangenehm und beschwerlich, sich Behandlungen und Therapien erklären zu lassen, um dann zu entscheiden, was man will oder auch
nicht will. Manche fühlen sich auch überfordert und allein gelassen mit dieser Verantwortung. Die Auseinandersetzung aber ganz zu verweigern und sie z. B. unreflektiert an die Kinder zu delegieren oder ihnen gar die Verantwortung aufzubürden, trägt nicht nachhaltig zum Gelingen des eigenen letzten Weges bei. Immer wieder fällt mir auf, wie anstrengend es für alte Patienten ist, sich entscheiden zu müssen – vor allem dann, wenn das bisherige Lebenskonzept, Verantwortung für sich selbst möglichst abzugeben, lange Zeit gut funktioniert hat. Viele der heute hochaltrigen Frauen durften zudem erst im Lauf ihres Lebens erleben, dass sie in machen Lebensbereichen eigenständige Entscheidungen treffen konnten, wo vorher die Verantwortung für ihre Lebensgestaltung direkt vom Vater auf den Ehemann überging.
Die letzte Reise braucht häufig Hilfe und Unterstützung. Dabei geht es nicht nur um professionelle medizinische und pflegerische Hilfeleistungen, sondern auch um Unterstützung durch Familienangehörige. Wer in die letzte Lebensphase eingetreten ist, sollte spätestens jetzt ein klärendes Gespräch mit seinen Angehörigen darüber führen, welche Hilfen er durch Dienste (z. B. Fußpflege) und andere bereits erfährt und welche Hilfe er noch benötigt und sich wünscht. Dabei kann man sich dann darüber verständigen, welche Formen von eventuell benötigter Hilfe und Unterstützung welches Familienmitglied in welchem Umfang zu leisten bereit und auch in der Lage ist.
Wenn nun aber familiäre und selbst organisierte Hilfe nicht mehr ausreicht, was dann? Wer kann helfen, wenn der Punkt gekommen ist, sich in andere Hände zu begeben? Ist ggf. eine Pflegeeinrichtung der notwendige Schritt, um den Bedürfnissen aller Beteiligten gerecht werden zu können? Solche Fragen werden besonders akut, wenn es zusehends auf die letzte Wegstrecke zugeht, und vor allem, wenn keine Aussicht auf eine medizinische Verbesserung der Lage mehr zu erwarten ist und letztlich eine sogenannte palliative Situation entsteht. Palliativ heißt „um-manteln“ und meint in diesem Zusammenhang, dass ein Mensch gut geschützt, d. h. versorgt seine letzten Tage erlebt. Die Hospizbewegung
hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen in der Sterbephase durch umfassende Versorgung Lebensqualität zu geben. Sie wurde von der Ärztin Cicely Saunders in den 1960er-Jahren in England gegründet. 1986 wurde das erste stationäre Hospiz in Deutschland eröffnet. Als Grundprinzip der Hospizarbeit gilt, dass „der Sterbende und seine Bedürfnisse“ im Mittelpunkt stehen. Sein Leben darf weder gewaltsam verkürzt noch verlängert werden. Dabei sind alle Ebenen menschlichen Daseins – die körperliche, psychische, soziale und spirituelle Ebene – zu berücksichtigen. Angehörige und nahe Bekannte werden grundsätzlich in das Versorgungsnetz miteinbezogen; ihnen wird auch nach dem Tod des Angehörigen Unterstützung in der Trauer angeboten.
Ein besonderer Schwerpunkt der Hospizarbeit liegt auch in der Begleitung des Sterbenden zu Hause oder in entsprechenden spezialisierten Pflegeeinrichtungen. Solche ambulanten Pflegedienste arbeiten mit Palliativmedizinern, d. h. mit Hausärzten mit einer entsprechenden Zusatzqualifizierung, in der Region zusammen. Dadurch sind Anpassungen den sich oft rasch ändernden Dosierungsbedarf bei der Gabe von Schmerzmitteln zeitnah möglich und unnötiges Leiden kann so vermieden werden. Das Hilfsangebot steht vielerorts meist rund um die Uhr zur Verfügung.
Auch in den Krankenhäusern leisten die ärztlichen und pflegenden Mitarbeitenden der Palliativstationen sowie der psychologische Dienst und die Klinikseelsorge diese besondere Form der Sterbebegleitung. Häufig geht es palliativmedizinisch um so genannte Symptomkontrolle. Durch die Gabe von Schmerzmitteln und die ggf. erforderliche
Atemunterstützung wird erreicht, dass die letzten Schritte nicht zu einer unerträglichen körperlichen Qual werden müssen. Zu der professionellen Unterstützung gehört ein Netz von Ehrenamtlichen, die Sterbende zu Hause und in Einrichtungen begleiten. Ihr Dienst wird fachlich begleitet, sodass dieser auf einem hohen Niveau stattfinden kann und auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht überfordert sind.
Wenn keine Heilung mehr möglich ist, bedeutet dies also nicht, dass man nichts mehr für den Betroffenen tun kann. Es ist daher unbedingt ratsam, die Segnungen der palliativen Begleitung eigenverantwortlich und selbstbestimmt in Anspruch zu nehmen oder auf Initiative der Angehörigen sich darauf einzulassen. Es besteht ein breiter Konsens darüber, dass das Angebot palliativer Versorgung weithin bekannt gemacht wird und ihr Ausbau flächendeckend vorangetrieben werden sollte. Eine zusätzliche Aktualität gewinnt die palliative Versorgung in den Diskussionsbeiträgen rund um die Suizidassistenz auf politischer und kirchlicher Ebene und den aktuell zur Debatte stehenden Gesetzesentwürfen für die parlamentarische Abstimmung.
Gehen Eigenverantwortung und Selbstbestimmung noch über die Inanspruchnahme dieser letzten Hilfestellungen hinaus? Gehen sie möglicherweise so weit, dass der Zeitpunkt des Todes selbst bestimmt werden kann, darf oder sogar soll? Gehört er nur in Gottes Hände oder doch auch in die Hand des Menschen? Im theologischen und noch mehr im gesellschaftlichen Diskurs ist es umstritten, ob und inwiefern die Bestimmung des Lebensendes allein in Gottes Hand gehört.
Das eigene Leben loslassen
Christen glauben, dass das Leben sich dem Willen und dem Schöpfungshandeln Gottes verdankt. Gottes Wille hebt den Menschen aus der gesamten übrigen Schöpfung insofern heraus, als dass er zu einem verantwortlichen Handeln im Spannungsfeld von Autonomie und Abhängigkeit, von Fürsorge für sich selbst und für andere fähig ist. Das gilt auch im Blick auf seine eigene Todesstunde. Er steht in der Verantwortung vor Gott, seinem Schöpfer. Vor ihm ist nach christlichem Verständnis auch jede selbstbestimmt herbeigeführte Beendigung des Lebens zu verantworten.
Nicht zuletzt steht für Christen der gesamte Sterbeprozess unter den Verheißungen Gottes. Für sie ist der Tod keine endgültige Grenze, sondern ein Grenzübergang in ein anderes, ein neues Leben. [4] Deshalb ist das Sterben nicht nur mit Abschied, sondern auch mit neuer Zuversicht verbunden. Der Tod und die Lebensphase davor können eine Chance sein, einen gelungenen Übergang von dieser Wirklichkeit in die neue Wirklichkeit zu finden. Je gewisser die Jenseitshoffnung ins Bewusstsein eines sterbenden Menschen tritt, umso tröstender kann sie ihre Kraft entfalten und diesen Menschen zu einem gelingenden Abschluss des eigenen Lebens anleiten und ermächtigen.
Endnoten
[1] Vgl. Thomas Fuchs, Versöhnung mit dem Ungelebten – Zum Gelingen des Lebens im Sterben, in: Olivia Mitscherlich-Schönherr (Hrsg.), Gelingendes Sterben, Zeitgenössische Theorien im Interdisziplinären Dialog, Berlin/Boston 2019, S. 85-100.
[2] „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (Römer 14,8; lut.)
[3] 1. Korinther 13 und 15.
[4] Vgl. Offenbarung 21,3-4.

