Heute bestellt, morgen ein Held! Was tun, wenn die Wiege leer bleibt? Von Reagenzgläsern, Machbarkeiten und Grenzen – Dr. Detlev Katzwinkel
Die moderne Reproduktionsmedizin ermöglicht es heutzutage fast jedem, den eigenen Kinderwunsch zu erfüllen. Doch was sind eigentlich die Gründe, weshalb sie so stark nachgefragt ist? Und ist die Erfüllung des Kinderwunsches dank der Reproduktionsmedizin tatsächlich so unkomliziert, wie es sich zunächst anhört? Dr. Detlev Katzwinkel klärt über die Hintergründe der Reproduktionsmedizin auf, weist auf potentielle Probleme für das betroffene Paar hin und wirft die grundlegende Frage auf: Wie steht es dabei um die Menschenwürde?
Genre: Aufsatz (11 Seiten)
Disziplin: Medizin
Charakter: aufklärend
Quelle: Katzwinkel, Detlev, Heute bestellt, morgen ein Held! Was tun, wenn die Wiege leer bleibt? Von Reagenzgläsern, Machbarkeiten und Grenzen, in: Warum es auf manche Lebens?fragen keine einfache Antworten gibt, Hg. Friedhelm Loh/Detlev Katzwinkel, Witten 2021, 69-78

Kinder zu bekommen ist auch in der modernen Gesellschaft nach wie vor für viele Menschen ein faszinierendes und erstrebenswertes Ziel. Das stimmt positiv, denn Kinder sind gesellschaftlich gesehen die Zukunft. Die meisten Menschen verknüpfen mit Kindern Hoffnung und Perspektive. Zugleich ist ein Kinderwunsch oft ein polarisierendes Thema, wenn es z. B. um den Zeitpunkt und die Rahmenbedingungen für die Verwirklichung einer angestrebten Schwangerschaft geht.
Die gesellschaftliche Entwicklung
Die Verwirklichung des Kinderwunsches wird heute oft erst in einem Alter angestrebt, in dem es rein biologisch nicht mehr unkompliziert möglich ist. Die gesellschaftlichen Gründe für diesen Zeitpunkt der Wahl sind vielfältig. Schulbildung, Ausbildung, Studium, der Wunsch nach individueller Selbstverwirklichung und andere selbstgewählte Schwerpunkte nehmen einen weiten Raum im Leben junger Menschen ein. Der Wunsch nach Gründung einer Familie hat Umfragen zufolge zwar weiterhin einen ungebrochen hohen Stellenwert – allerdings ist der Zeitpunkt bzw. der Lebensabschnitt, in den hinein heute Kinder geboren werden, aus diesen Gründen immer weiter nach hinten verschoben worden. Nicht zuletzt hat gerade auch die Möglichkeit, weitgehend sicher verhüten zu können, das Denken und Empfinden in diese Richtung mit beeinflusst. Die Anti-Baby-Pille, die Hormonspirale, Hormonketten, industriell gefertigte Kondome und andere Verhütungsmethoden
beeinflussen heute das Durchschnittsalter für die erste oder auch für weitere Schwangerschaften entscheidend.
So nachvollziehbar die Gründe und Ursachen für den späten Kinderwunsch auch sein mögen ‒ sie bringen eine Reihe von Problemen und echten Hindernissen mit sich.
Ein folgenreicher Irrtum
Eine Frau ist bei der Geburt ihres ersten Kindes in Deutschland im Durchschnitt bereits älter als 31 Jahre. Der Wunsch, eine Familie zu gründen, hat sich im Durchschnitt ins vierte Lebensjahrzehnt verschoben. Teilweise werden Kinder inzwischen sogar erst im fünften Lebensjahrzehnt einer Frau ausgetragen.
Die älteste Schwangere, die ich in den zurückliegenden zwei Jahren zur Geburt begleitet habe, war 52 Jahre alt, die jüngste 14 Jahre. Beide sind statistisch gesehen Ausnahmen, aber gerade wegen dieser Ausnahmen wird allgemein davon ausgegangen, dass Kinder zu bekommen jederzeit möglich und planbar wäre. Dies ist jedoch ein weitverbreiteter Irrtum, der oft viel zu spät wahrgenommen wird. Der latente, insgeheim wohl vorhandene, aber noch unerfüllte Wunsch nach eigenen Kindern ist im späteren Alter für sehr viele noch ganz reell, aber für etliche dann nicht mehr bzw. viel schwieriger zu verwirklichen.
Die Wahrscheinlichkeit, spontan ohne medizinische Hilfe schwanger zu werden, besteht für die überwiegende Mehrheit der Frauen nur etwa 20 Jahre lang und sinkt ab dem 35. Lebensjahr mit jedem weiteren Lebensmonat rasant ab.
Die erste Periodenblutung und die damit verknüpfte Geschlechtsreifung und Pubertät rückte in den letzten Jahrzehnten sogar noch weiter nach vorne. Ursachen dafür sind zum Beispiel in der hochwertigeren und reichhaltigeren Ernährung zu finden, in der visuellen Stimulation durch die Medien, der Sexualisierung der Werbung, der Thematisierung von Sexualität im Alltag und vielen weiteren Faktoren. Gleichzeitig ist heute die erste Schwangerschaft im Durchschnitt auf einen späteren Zeitpunkt im Leben verschoben. Demnach verstreichen für die Frauen bzw. die Paare inzwischen fast 90 Prozent der Zeit (etwa 18 von 21 Jahren) natürlicher Fruchtbarkeit, also ein Großteil der sogenannten natürlichen Reproduktionsphase (des biologischen Zeitraums relativ unkomplizierter Kinderwunsch-Verwirklichung), ohne dass diese letztlich genutzt wird.
In demselben relativ langen Zeitraum von etwa 20 Jahren verändert sich gleichzeitig eine Fülle von biologischen Faktoren bei Mann und Frau. Eine niedrigere Fertilität, also schlechtere Erfolgschancen auf eine spontane Schwangerschaft, wird sowohl beim Mann als auch bei der Frau durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht, deren Wirkung und Qualität im Laufe der Zeit abnimmt. So lässt z. B. die Spermienqualität nach und die Anzahl der Spermien verringert sich. Die Qualität des Prostatasekretes, die Funktionstüchtigkeit der Eileiter und die Produktion von befruchtungsfähigen Eizellen lassen nach, ebenso die Funktionalität der Gebärmutterschleimhaut, die Produktion des Cervixschleims und der für eine Schwangerschaft notwendigen Hormone sowie vieler weiterer Glieder dieser Kette. Schließlich steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Begleiterkrankungen wie eine Schilddrüsenunterfunktion oder Schwangerschaftsdiabetes. Die Erfolgschancen für die späte Erfüllung eines Kinderwunsches sind also deutlich niedriger als die Betroffenen selbst es aus ihrem Alltagserleben heraus erwartet hätten. Auch angeborene Störungen, akute Krankheiten, schicksalhafte Ereignisse wie Unfälle oder Naturkatastrophen und psychischer Stress können eine natürlich zustande kommende Schwangerschaft erschweren oder gänzlich verhindern.
Drängender Kinderwunsch
Egal, ob nun eine Krankheit oder die eigene Lebensplanung dazu geführt haben,
dass der schon lange andauernde oder erst spät entwickelte Kinderwunsch noch nicht in Erfüllung gehen konnte – er ist eine Lebensrealität, die sich dann häufig sehr dringlich äußert. Wenn ein Paar nach langer Vorlaufzeit den aufgeschobenen Kinderwunsch endlich in die Realität umsetzen will und dies nicht gelingt, führt die unerfüllte Sehnsucht häufig zu großer Enttäuschung, die sich bis zur Panik steigern kann. Viele Paare, prozentual Frauen stärker als Männer, können dabei geradezu in eine existenzielle Krise geraten. So modern, aufgeklärt und machbarkeitsgläubig unsere Gesellschaft auch ist – keine Kinder bekommen
zu können, ist emotional etwas ganz anderes, als noch keine Kinder haben zu wollen.
Zudem geht es heute nicht mehr nur um kinderlos gebliebene heterosexuelle Ehepaare bzw. Paare, sondern auch um andere Konstellationen, von der gleichgeschlechtlichen Beziehung mit Kinderwunsch bis hin zum Wunsch von überraschend verwitweten Frauen, durch eine Schwangerschaft mit einem künstlich gezeugten Embryo doch noch Nachwuchs verwirklichen zu können. In diesen Fällen rückt die juristische Dimension einer Kinderwunschbehandlung noch stärker in den Fokus, denn daraus ergeben sich komplexe ethische und rechtliche Fragestellungen. Diese haben wiederholt zu juristischen Auseinandersetzungen geführt, bei denen die rechtliche Gleichbehandlung von Erwachsenen mit Kinderwunsch mit den Rechten der durch die veranlasste Kinderwunschbehandlung entstandenen Kinder abgeglichen werden musste.
Frauen und Paare mit Kinderwunsch nehmen häufig vielerlei Belastungen in Kauf, um eine Schwangerschaft trotz aller Schwierigkeiten zu ermöglichen. Medizinisch-technische Hilfe ist meist möglich und oft, aber längst nicht immer, wird der Kinderwunsch schließlich erfüllt. Je länger er andauert, desto belastender ist dieser Weg jedoch, körperlich und seelisch vor allem für die Frau, auf psychischer Ebene aber auch für das Paar und dadurch letztlich auch für die Beziehung. Daneben entstehen nicht unerhebliche finanzielle Belastungen und manchmal stoßen die Betroffenen an menschliche und juristische Grenzen. Teilweise werden sie gar vor existenzielle Fragen von Leben und Tod gestellt, bei denen ihre Werte infrage gestellt werden und eventuell sogar Entscheidungen für oder auch gegen das Kind anstehen können.
So berichtete mir z. B. ein Ehepaar sehr nachdenklich und gleichzeitig gut nachvollziehbar von den vielfältigen ethischen Herausforderungen, denen es sich über Wochen und Monate im Laufe all der notwendigen Untersuchungen und Behandlungssitzungen sowie der jeweils im Vorlauf notwendigen Aufklärungsgespräche und Einverständniserklärungen stellen musste. Immer wieder kam dem Ehepaar die Frage, ob es den so heiß ersehnten Kinderwunsch nicht doch eher begraben sollte. Andererseits wurden die beiden immer wieder von dem Gedanken beflügelt, dass vor ihnen viele andere Betroffene diesen teils sehr aufwendigen Weg schon erfolgreich zu Ende gegangen waren.
Reproduktionsmedizin als medizinischer Industriezweig
Diese existenzielle Herausforderung, auch im vierten und fünften Lebensjahrzehnt oder unter anderen besonderen Lebensumständen noch zu einer realistischen Verwirklichung des Kinderwunsches zu gelangen, hat in den vergangenen 40 Jahren vor allem in den westlichen Industriestaaten zur Herausbildung eines regelrechten medizinisch-biologischen Industriezweiges geführt. Die gesamte Kinderwunsch-Branche, d. h. konkret die Fertilitäts Institute samt ihren Zulieferern und ihren biologisch-technischen Partnern, setzt weltweit dreistellige Milliardenbeträge um, weil die unbedingt erfolgswilligen Hilfesuchenden oft große Summen investieren. Wo jedoch viel Geld im Spiel ist, da werden auch Methoden angeboten, bei denen weder die Effektivität noch die gesundheitliche Verträglichkeit gesichert ist und die den Einsatz und das Risiko nachweisbar nicht hinreichend rechtfertigen können. Die ebenfalls vorhandene ethische Dimension verschiedener Methoden ist dabei an dieser Stelle noch gar nicht in Betracht gezogen.
Therapiemöglichkeiten
Am Anfang dieser Entwicklung stand das Bemühen, einer ungewollten Kinderlosigkeit aus medizinischen Gründen therapeutisch zu begegnen. So stellte man z. B. die Frage, wie die Fruchtbarkeit bei einer Krebserkrankung aufrechterhalten werden kann. Heute kann im Rahmen der Therapieplanung einer Krebserkrankung nach einer gangbaren Lösung zur Aufrechterhaltung des Kinderwunsches nach überstandener Therapie gesucht werden. In praktisch allen deutschen Bundesländern existieren spezielle Praxen und Institute, die sich dieses Anliegens mit modernsten Therapieverfahren annehmen.
Was ist jedoch zu tun, wenn keine funktionsfähige Eizelle oder keine geeigneten Spermien mehr vorhanden sind? Zunächst kam in England einer der ersten Spezialisten für Kinderwunschbehandlung auf die Idee, Spermienspenden bei Paaren einzusetzen, bei denen die Ursache der Unfruchtbarkeit beim Mann lag.
Unbestritten haben inzwischen hunderttausende Kinder auf dieser Welt durch diese und sich ständig weiterentwickelnde, neue Therapiemöglichkeiten das Licht der Welt erblickt, die sonst nie geboren worden wären – und wurden gemeinsam mit ihren Eltern zu einer neuen Familie. Weltweit schätzt man die Zahl der so gezeugten Kinder auf drei Millionen,
in Deutschland auf etwa 100.000. Die anfänglich hohe Rate an Zwillings- und Mehrlingsgeburten wurde inzwischen durch rechtliche und verfahrenstechnische Nachbesserungen deutlich vermindert. Auch die anfänglich relativ hohen Komplikationsraten für die Frauen mit entsprechendem Kinderwunsch konnten um ein Vielfaches reduziert werden. Dennoch ist der Weg zu einer künstlichen Erfüllung des Kinderwunsches auch heute noch lang, psychisch belastend und längst nicht für alle am Ende auch erfolgreich.
Unter all den angebotenen Methoden haben sich heute weltweit zwei Verfahren als die erfolgreichsten Methoden weitgehend durchgesetzt: die In-vitro-Fertilisation (IVF), also die Erzeugung einer Schwangerschaft „im Reagenzglas“, bei der eine Eizelle den gewonnenen Spermien willkürlich ausgesetzt ist, sowie die Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI), bei der ein Spermium nach morphologischer Begutachtung mit einer Feinnadel in die Eizelle eingebracht wird. Inzwischen werden in Deutschland jährlich etwa 100.000 künstliche Befruchtungen durchgeführt, die Tendenz ist steigend.
Ethische Grenzfragen
In Zusammenhang mit der Durchführung der künstlichen Befruchtung stellt sich allerdings eine ganze Fülle von rechtlichen, ethischen und gesellschaftlichen Fragen. Mittlerweile haben die meisten Länder entsprechende Gesetze zum Umgang mit unerfülltem Kinderwunsch und den aktuell möglichen Therapieverfahren erlassen. Die ethischen Fragen werden aber je nach Land und Methode sehr unterschiedlich beantwortet, entsprechend sind auch die Gesetzgebungen sehr unterschiedlich gestaltet und werden in der Praxis
unterschiedlich gehandhabt. Das hat in Europa zu einem neuen Kinderwunsch-
Tourismus geführt. Da die Gesetzgebung in Deutschland im europäischen Vergleich das Kind stärker schützt und deshalb nicht alle möglichen Therapieverfahren zugelassen sind, weichen manche Betroffene auf das europäische Ausland aus.
Eine Fülle von sehr gegensätzlich diskutierten ethischen Grenzfragen bewegen die Betroffenen und auch die handelnden Therapeuten und Therapeutinnen, Biologen und Biologinnen, seit 1978 Louise Brown als das erste durch künstliche Befruchtung entstandene Kind in Großbritannien geboren wurde.
Entscheidet man sich für eine IVF oder ICSI, geht damit einher, dass die Befruchtung außerhalb des Mutterleibes stattfinden wird. Dadurch greift in Deutschland automatisch das Embryonenschutzgesetz regulierend ein. Nach diesem dürfen in einem Schwangerschaftszyklus maximal drei Embryonen übertragen und dafür entwickelt werden. Tatsächlich werden mit der Begründung, dass nicht alle entwickelten Embryonen qualitativ in der Lage sein werden, sich in einer Schwangerschaft weiterzuentwickeln, mehr als drei
Embryonen erzeugt, von denen maximal drei der Frau eingepflanzt werden. Damit entstehen sogenannte überzählige Embryonen.
Hier entsteht also die ethische Frage, wie man mit den überzählig entstandenen bzw. produzierten Embryonen verfährt. Darf man sie für Forschungszwecke weiterverwenden, oder sollte man sie nicht eher beerdigen? Sollen sie für unbestimmte Zeit bei sehr tiefen Temperaturen kryokonserviert werden, um sie für eine mögliche weitere Schwangerschaft zu verwenden? Was geschieht mit ihnen, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist? Sollte man gegebenenfalls nur so viele Embryonen herstellen, wie die betroffenen Frauen bzw. Paare auch bereit sind, selbst auszutragen?
Weil solche Fragen unweigerlich auf die werdenden Eltern zukommen, sollten sie auf die entsprechenden Entscheidungen vorbereitet sein. Je frühzeitiger Betroffene sich dessen bewusst sind, desto leichter wird es für sie sein, in einer emotional stark aufgeladenen Situation ihre weitreichenden Entscheidungen zu treffen. Diesen Entscheidungen müssen Abwägungen vorausgehen, die in der Verantwortung vor sich selbst, vor dem Kind, vor der eigenen Ethik und für Christen auch vor bzw. im Einklang mit Gott getroffen werden.
Wie sollen also Betroffene – und die beteiligten Therapeuten und Therapeutinnen – einen gangbaren guten Weg für sich selbst, für das neu entstandene Leben und die zu erwartenden Kinder finden? Durch die große Fülle an potenziellen Chancen, möglichen Risiken, existenziellen Fragen und den ethischen und moralischen Ungereimtheiten ist es eine echte Herausforderung, einen tragfähigen, ethisch verantwortbaren Weg für sich selbst zu finden. Schließlich kommen noch Fragen nach der Gesundheit der auf diese Weise gezeugten Kinder hinzu. Gibt es familiäre, genetische Vorbelastungen hinsichtlich schwerwiegender Erkrankungen? Welchen Bedarf sehen die Eltern selbst, den künstlich erzeugten Embryo noch vor seiner Einsetzung in die Gebärmutter möglichen Untersuchungen zu unterziehen? Die sogenannte Präimplantationsdiagnostik ist ein ernst gemeintes Bestreben, mit größtmöglicher Sicherheit herauszufinden, ob die durch IVF oder ICSI erzeugten Embryonen selbst Träger bestimmter erblich veranlagter Krankheiten sind. Die betroffenen Embryonen werden dann nicht in die Gebärmutter eingesetzt, sondern aussortiert und damit ebenfalls zu sogenannten überzähligen Embryonen. In Deutschland ist dies nur unter strengen Auflagen (zum Beispiel bei hohem familiärem Risiko schwerster Missbildungen) möglich, in etlichen anderen Staaten sind die Auflagen jedoch deutlich weniger streng.
Gemeinsame Entscheidungsfindung
Im Rahmen der Kinderwunschbehandlung stellt sich automatisch die Frage, ob alle erdenkbaren Untersuchungsangebote für die Gesundheit des werdenden Kindes auch tatsächlich in Anspruch genommen werden sollten. Die Antwort darauf hängt wesentlich davon ab, welches ethische Menschenbild die begleitenden Therapeutinnen und Therapeuten, die Ärztinnen und Ärzte und nicht zuletzt die betroffenen Eltern prägt. Die Vielzahl der heute medizinischen Möglichkeiten birgt die Gefahr, dass ein Sog vorgeburtlicher Skepsis gegenüber dem eigenen Kind entsteht, der auch auf natürlichem Weg schwanger gewordene Eltern erfassen kann. Welche Diagnostik und anschließende Vorsorge soll also sinnvollerweise überhaupt zur Anwendung kommen?
Für eine Kinderwunschbehandlung ist neben allen medizinischen und biologischen Diagnosen, Faktoren und Behandlungsmöglichkeiten vor allem entscheidend, ob sich die Behandelten und die sie Behandelnden in einem nicht durch Zeitdruck und finanzielle Interessen dominierten Gespräch auf gemeinsame persönliche ethische Rahmenbedingungen einigen können, welche darüber hinaus auch dem in Deutschland geltenden Rechtsrahmen entsprechen. Selbstverständlich muss im Laufe der Therapie auch Raum für ein zweites, vielleicht sogar ein drittes Beratungsgespräch sein, insbesondere wenn ganz spezielle, noch differenziertere Therapieschritte erwogen werden oder zum Erfolg der Behandlung auch unbedingt notwendig sind.
Persönliche Herausforderungen
Ein Kinderwunsch und seine Behandlung können über einige Jahre hinweg das persönliche Leben bestimmen. Jeder Menstruationszyklus birgt eine neue Hoffnung, jede Monatsblutung bringt eine weitere Enttäuschung. Die Hoffnung, durch die Planung der Sexualität nach dem Zykluskalender zum Erfolg zu kommen, birgt die Gefahr starker Belastung der Partnerschaftsbeziehung. Mit der Einnahme von Medikamenten, verschiedenen verabreichten Spritzen, einer hohen Zahl an Arztbesuchen und den vielfältigen Untersuchungen nimmt die Frau mit der Kinderwunschbehandlung große Belastungen in Kauf. All das lässt sich mit einer natürlich erreichten Schwangerschaft nicht vergleichen. Je länger der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, desto stärker wirkt sich die Belastung auch auf das Paar selbst aus.
Mit der Zeit verändern sich in der Beziehung die Rollen oder sie werden zumindest anders wahrgenommen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die zunehmende Fokussierung auf die Behandlung das Paar allmählich von seinem Umfeld entfremdet, denn dann dreht sich alles nur noch um den Kinderwunsch. Die Enttäuschung und auch die Trauer nach Fehlschlägen sollten jedoch nicht das letzte Wort haben. Auch sollte einer „Sucht“ nach dem nächsten Versuch, nach der immer wieder nächsten letzten Hoffnung, vorgebeugt werden.
Es gibt gute Alternativen zu einem völligen Scheitern am unerfüllten Kinderwunsch. Adoption von Kindern kann ein Weg sein. Das Engagement für Waisenkinder in Elendsgebieten kann Gutes bewirken und Erfüllung bringen. Etliche haben gute Erfahrungen mit der Annahme von Pflegekindern gemacht. Daher sollten alternativen Optionen für die eigene Lebensgestaltung nicht zu spät erwogen werden, sondern eher parallel auf dem Plan sein.
Bei allen Wünschen und Hoffnungen, bei aller Vorfreude und allem individuellen Einsatzwillen, bei allen heute möglichen Optionen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft: Jedes betroffene Paar und jede betroffene Frau sollte sich im Vorfeld klar machen, worauf sie sich einlassen, und dann für ein Umfeld sorgen, das mitträgt, unterstützt, tröstet und Freude teilt.
Gesellschaftliche und christliche Verantwortung
Für eine freiheitliche Gesellschaft auf der Grundlage des Rechtes auf Unversehrtheit aller seiner Mitglieder müssen die Strukturen so gestaltet sein, dass die Lasten des Einzelnen auf alle verteilt werden können. Jeder von uns steht als Mitglied dieser Gesellschaft in der Verantwortung, Schwache und Schutzbedürftige, das nicht Normgerechte, mitzutragen, denn gerade in diesem Akt der solidarischen Nächstenliebe stellt sich Gerechtigkeit ein.
Letztlich sind wir alle als Gesellschaft, als Freunde, Verwandte, Gemeinde und anderweitig Involvierte gefordert, für die hilfesuchenden Wunscheltern ein Umfeld zu schaffen, in dem sie ohne Sorge vor Mobbing oder Ausgrenzung ihre selbstverantworteten Entscheidungen
leben können. Die Betroffenen brauchen den Rückhalt, der ihnen ermöglicht, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. Hierfür bedarf es einer eigenständigen Auseinandersetzung aller Beteiligten und möglichen Begleiter mit dem Thema. Nicht nur die Eltern selbst, sondern auch wir als Christen und Christinnen, die Menschen begleiten wollen, brauchen eine eigene, reflektierte Haltung, aus der heraus wir andere ermutigen und ihnen zur Seite stehen können.



