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Anders als erwartet – Wenn plötzlich aus freudiger Erwartung Abschied wird. Vom Umgang mit dem Verlust eines ungeborenen Kindes – Dr. Heike Fischer

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vor 3 Tagen
14 Min. Lesezeit

 Je größer die Vorfreude, desto schmerzhafter ist es auch, wenn der ersehnte Wunsch nicht in Erfüllung geht. Das gilt für jeden Lebensbereich, insbesondere aber, wenn es um den eigenen Kinderwunsch geht. Dr. Heike Fischer berichtet aus eigener Erfahrung, wie es ihr ergangen ist, als sie von der Fehlgeburt ihres Kindes erfahren hat. Welche Gedanken und Emotionen kommen in einem hoch? Was hilft in einer solchen Situation? Was ist sogar schädlich? Dieser Artikel ist ein taktvoller Ratgeber für die schlimme Erfahrung einer Fehlgeburt und zeigt zugleich Perspektiven auf, wie das Leben trotz des schweren Verlusts wieder an Zuversicht und Freude gewinnen kann.


Genre: Aufsatz (11 Seiten)

Disziplin: Erfahrungsbericht

Charakter: persönlich, beratend


Quelle: Fischer, Heike, Anders als erwartet – Wenn plötzlich aus freudiger Erwartung Abschied wird. Vom Umgang mit Verlust eines ungeborenen Kindes, in: Warum es auf manche Lebens?fragen keine einfachen Antworten gibt, Hg. Friedhelm Loh/Detlev Katzwinkel, Witten 2021, 79-89


Meine eigene Geschichte


Während die Gynäkologin ihre Geräte für die Ultraschalluntersuchung vorbereitet, erzähle ich ihr, wie meine 3-jährige Tochter zwei Tage zuvor beim Geburtstagskaffee meiner Mutter allen Gästen über den ganzen Tisch zurief: „Meine Mama hat ein Baby im Bauch!“ Wir lachen beide, und ich freue mich schon darauf, bei der anstehenden Untersuchung mein kleines ersehntes zweites Kind sehen zu können. In der 13. Woche ist ja schon alles dran: Ärmchen, Beinchen, Finger. Es ist noch so klein, dass ich es als Ganzes sehen kann, sechs Zentimeter insgesamt. Ich werde sehen, wie es sich bewegt, das Herz wird als pulsierender Punkt erscheinen, und vielleicht wird sogar eine erste Einschätzung möglich sein, was es werden wird – ein Mädchen oder ein Junge.


Meine Gynäkologin schaltet den Bildschirm ein und ich versuche, mich in den vielen schwarzen, grauen und weißen Pixeln zu orientieren. Da sagt sie auch schon: „Oh, das tut mir aber leid! Das Herz schlägt nicht mehr.“ Von einer Sekunde auf die andere falle ich in Fassungslosigkeit. Mir scheint, auch mein Herz bleibe stehen. Irgendwann dringt die Bedeutung ihrer Worte vollends zu mir durch. Es folgen eine unglaubliche Trauer und Lähmung. Noch in der Praxis wird von meiner Ärztin ein Operationstermin verabredet, unbedingt bei dem gleichen Gynäkologen, der mich bei meiner Tochter entbunden hat. In dieser Situation ist Vertrauen elementar.


Morgen habe ich Geburtstag. Übermorgen verliere ich mein Kind endgültig. Am Tag darauf heiratet mein Patensohn. Was muss, was soll nun getan werden? Was ist mir wichtig? Was brauche ich? Morgen kommen meine Jugendfreundinnen zum Geburtstagsfrühstück. Sie will ich sehen. Ich brauche sie. Alles andere sage ich ab. Meine Freundinnen tun mir gut.


Ein Tabuthema


Nachdem meine Schwangerschaft von meiner Tochter in größerer Runde verkündet worden war, wusste natürlich jeder im Familienkreis und in der Gemeinde Bescheid. So musste dann auch meine Fehlgeburt einige Tage später bekannt gemacht werden. Es fiel mir schwer, ein solch intimes, trauriges Erleben mit so vielen Menschen teilen zu müssen. Meine Trauer war groß, und diese immer wieder in gut gemeinten, mitfühlenden Gesprächen neu teilen und mitteilen zu müssen, machte die Trauer zunächst nur noch größer. Trost ist eben nicht in jedem Fall tröstlich, sondern oft auch belastend. Andererseits wurde mir von vielen Frauen, die ich schon lange kannte, plötzlich offenbart, dass auch sie einmal eine Fehlgeburt erlebt hatten. Darüber hatten sie bis dahin nie gesprochen. Teilweise raunten sie es mir nur im Vorbeigehen oder ganz nebenbei zu. Wenn man Gleiches erlebt hat, versteht man sich auch ohne viele Worte. Ein Blick, ein Kopfnicken. „Wenn du was brauchst, melde dich.“


Eine Freundin schenkte mir ein Tagebuch und einen wunderschönen, kunstvollen Schmetterling. Damals kannte ich seine Bedeutung noch nicht. Heute weiß ich: Es war das Erkennungszeichen, dass auch ich jetzt ein Schmetterlingskind habe – eines, das ganz klein und zart schon wieder davongeflogen ist, himmelwärts. Diese Momente mit Frauen, die Gleiches erlebt hatten, waren die wirklich tröstlichen Momente.


Gesellschaftlich gesehen ist das Thema Fehlgeburt und Totgeburt immer noch ein absolutes Tabuthema. Man verschweigt das erlebte Leid – und damit zugleich das Kind. Dabei ist es wichtig, dieses so tief berührende Erlebnis einer Fehlgeburt auch anderen näher zu bringen, damit alle Beteiligten es auch angemessen wahrnehmen und sich dazu verhalten können. Letztlich geht es ja darum, die schmerzliche Situation gemeinsam zu betrauern und Raum zur Integration des Geschehenen in das eigene Leben und das Miteinander zu schaffen. Immerhin werden einige der Frauen, die ein oder auch mehrere Kinder verloren haben, niemals eine Lebendgeburt erleben können.


Dass Fehl- und Totgeburt immer noch ein solches Tabu darstellen, ist bei der enorm großen Anzahl an von Fehlgeburt betroffenen Frauen sehr beunruhigend. Die Zahlen dazu sind auch heute noch sehr ungenau, da sie sich auf unterschiedliche Datenquellen beziehen. Viele Fehlgeburten werden z. B. gar nicht in einer Klinik behandelt und werden daher nicht in den entsprechenden Statistiken aufgeführt. In der Pressemitteilung des Bundesverbandes der Frauenärzte aus dem Jahr 2016 [1] heißt es jedoch, dass mehr als ein Drittel aller begonnenen Schwangerschaften schon vor der 12. Schwangerschaftswoche enden. Selbst wenn manche offiziellen Stellen von „nur“ zehn Prozent Fehl- und Totgeburten sprechen, ist das immer noch eine unfassbar große Anzahl von weit über 50.000 Frauen und Männern pro Jahr, die in ihrem Leben um ein totes Kind trauern und kaum darüber zu sprechen wagen.


Erst in allerjüngster Zeit wird dieses Thema etwas stärker in den Medien wahrgenommen, weil einige prominente Frauen ihre eigenen Fehlgeburten und den Verlust ihres Kindes öffentlich gemacht und so immerhin eine, wenn auch noch verhaltene, Diskussion angestoßen haben. Durch ihre Berichte wurde endlich öffentlich, wie schmerzlich Fehlgeburten wirklich sind und dass Eltern danach unter Umständen auch professionelle Hilfe benötigen. Inzwischen haben im Jahr 2020 einige Abgeordnete des Deutschen Bundestages dieses Thema aufgegriffen und eine sogenannte Kleine Anfrage zur „Unterstützung für von Fehl- und Totgeburten Betroffene“[2] an die Bundesregierung gestellt. Auf die Frage nach Hilfsangeboten speziell für Eltern nach Fehl- und Totgeburt

werden dort neben ärztlicher Beratung auch kirchlich seelsorgliche Hilfestellung und diakonische Beratungsstellen mit dem Hinweis auf die Bundeszentrale

für gesundheitliche Aufklärung [3] und das allgemeine Angebot von Therapeuten in Deutschland genannt.


Mein Abschied


Ich wusste sehr schnell und bestimmt, was ich für mein Kind und mich möchte: Ich will es sehen, und es soll auf alle Fälle beerdigt werden. Ich will mein Kind nicht nur als schemenhafte Schwarz-Weiß-Fotografie in Erinnerung behalten. Es soll mehr Realität bekommen, als ein Ultraschallfoto leisten kann. Ich will es genau betrachten können, damit es ein eigenes Gesicht bekommt. Ich, die Mutter, will mein Kind annehmen und loslassen, mich der ganzen Situation aussetzen, so sehr das auch schmerzen mag. Dieses ersehnte Kind berührt mich, sein Tod darf mir etwas ausmachen dürfen. Ich will es wertschätzen, will es zu einem Teil von mir werden lassen, auch wenn es schmerzhaft ist und ich es wieder loslassen muss, für immer.


„Eine Mutter, die einmal Mutter geworden ist, bleibt immer Mutter, unabhängig davon, ob sie das Kind zur Welt bringt, oder nicht. Dieses tote Kind wird, so lange sie lebt, Teil ihres Lebens sein.“


Prof. Dr. Wanda Franz (Präsidentin des National Right to Life Committee, 1991–2011)


Dem Gynäkologen, der mich operierte, sagte ich: „Ich will unbedingt mein Kind sehen!“ Die üblichen Operationsmethoden sind nicht überall darauf ausgelegt, einen vollständigen Körper herauszuoperieren, aber mit gutem Willen und etwas chirurgischem Geschick konnte er mir meinen Wunsch erfüllen. Ich habe mir mein Kind angesehen. Es schwamm zwar in Formalin, aber ich konnte jede Rippe, jeden Finger, die Augen, die Nase und die Ohren sehen. Alles war bereits ausgebildet, nur das Geschlecht war noch nicht bestimmbar. Alles ganz klein und ganz fein.


Bewusst wahrnehmen und loslassen


Die Geschichten von Fehl- und Totgeburten sind so vielfältig wie die Menschen, die sie erleben. War es die erste Fehlgeburt oder gab es schon mehrere Fehlgeburten? Gibt es Geschwisterkinder, die mittrauern? War das Kind schon größer, sodass es auch für Vater und Geschwister bereits unmittelbar erlebbar wurde? All das und noch vieles mehr macht jeden Abschied individuell. Gemeinsam ist allen Abschieden die Trauer um das tote, das verlorene Kind. Die Erfahrung von diesem Verlust verändert Mutter und Vater. Dabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, in welchem Entwicklungsstadium das Kind sich gerade befunden hat. Bewusst Abschied zu nehmen erleichtert das Weiterleben.


Kinder, die mit einem Gewicht von unter 500 Gramm verstorben sind, gelten als fehlgeborene Kinder. Der größte Teil der fehlgeborenen Kinder verstirbt dabei bereits vor der 12. Schwangerschaftswoche. Von totgeborenen Kindern spricht man, wenn sie etwa ab der 22. Schwangerschaftswoche mit einem Gewicht von über 500 Gramm verstorben sind. Diese totgeborenen Kinder sind dann auch meldepflichtig beim Standesamt.


Abschied zu nehmen ist ein bewusster Akt, in dem sich die Betroffenen dem Geschehenen stellen, den Schmerz aushalten und durchleben. Dadurch erhält das Kind auch einen eigenen Stellenwert in der Familie, als ein wahrhaftiger Teil des Familienlebens.


Das Abschiednehmen kann, vorsichtig begleitet, schon im Krankenhaus nach der Operation beginnen und es gibt Eltern und auch Geschwistern die Gelegenheit, sich ein echtes Bild von dem Kind zu machen. Damit wird es viel realer, als es ein verpixeltes Ultraschallbild darstellen kann. Dabei ist es wichtig, dass Vater, Mutter und auch Geschwisterkinder achtsam mit sich selbst umgehen und ihre eigenen Bedürfnisse in dieser Abschiedssituation wahrnehmen. Eltern und Geschwister können selbst entscheiden, ob sie die Arme, Beine und das Gesicht sehen wollen, ob sie es berühren, streicheln oder es gar im Arm halten möchten. Das Kind halten! Die Eltern können das Kind beweinen, für es beten und es segnen. Sie können ein kleines Stück ihrer eigenen Lebenszeit mit dem Kind verbringen und so eine bleibende Erinnerung schaffen. Das Kind ist nicht ersetzbar, durch einen solch bewussten Abschied wird es spürbar zu einem Teil der Familie.


Ein Ort für Abschied und Trauer


Ich habe mein Kind bewusst beerdigen lassen. Für früh- und totgeborene Kinder gibt es heutzutage glücklicherweise an vielen Orten das Angebot einer Gemeinschaftsbestattung, die von den Krankenhäusern in regelmäßigen Abständen organisiert werden. Zu der Trauerfeier begleitete mich meine damals dreieinhalbjährige Tochter. Ansonsten waren wir dort von lauter unbekannten Menschen umgeben, die aber eines gemeinsam hatten: Sie alle hatten ein Kind verloren. Die Trauerfeier selbst wurde sehr liebevoll und berührend vorbereitet und von Krankenhausseelsorgern verschiedener Konfessionen gehalten.


Mein Kind liegt nun gemeinsam mit anderen Kindern in einem kleinen Kindersarg in einem Grab. Das suche ich auch heute, 13 Jahre später, immer noch auf, mindestens am Todestag und an seinem errechneten Geburtstag. Ich gehe gerne dahin. Dort habe ich einen Ort zum Trauern und einen Platz, an dem ich Gott mein Kind anbefehlen kann. Irgendwann wird er es mir vorstellen. Darauf freue ich mich heute schon.


Mein Kind verstarb in der 13. Schwangerschaftswoche. Für den Beerdigungsritus ist das sicher ein Unterschied zu einem weiter entwickelten oder schon fast ausgereiften Kind, das kurz vor dem errechneten Geburtstermin verstirbt. In diesen Fällen wird es eher um eine individuelle Beerdigung mit eigener Trauerfeier und eigenem Kindersarg gehen. Hier lassen sich die familiären Wünsche ganz anders umsetzen: ein individueller, vielleicht selbst und von Geschwistern gestalteter Sarg, kindliche Grabbeigaben, ein Bild eines Geschwisterkindes, persönliche Abschiedsworte, Gedanken der Eltern an und über ihr verstorbenes Kind, Symbole wie Engel, Schmetterling, Stern oder Regenbogen.


Formen der Trauer


Trauer kann verschiedene Formen annehmen. Es gibt mildere Formen der Trauer, jedoch auch schwere, bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen. Bei den schwereren Formen, bei denen eine starke Fokussierung auf das verstobene Kind zu erkennen ist, sollte unbedingt auch professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Ein Indiz für solch einen schweren Verlauf kann sein, dass die sonst eher typischen Trauerphasen

gar nicht durchlebt werden. Sie bestehen aus folgenden Abschnitten: 1. Nicht-Wahrhabenwollen, 2. den Schmerz (manchmal auch sehr emotional) erleben und dann annehmen, 3. depressive Phase, 4. Annahme des Geschehenen und langsame Anpassung an die Realität ohne das Kind, 5. neue Sinnfindung und Freiwerden für neue Beziehungen oder auch gegebenenfalls eine neue Schwangerschaft. Diese Phasen finden nicht immer in gleicher Intensität statt. Manchmal gibt es auch Rückschritte und eine Phase muss erneut durchlebt werden oder wird ganz übersprungen. Grundlegend ist jedoch, dass man sich der Trauer überhaupt stellt, denn vieles, was uns belastet und dann verdrängt wird, hinterlässt

dennoch Spuren. Auch das Erleben einer Fehl- oder Totgeburt hinterlässt deutliche Spuren und schafft sich im eigenen Leben seinen speziellen Ort.


Männer und Frauen trauern in der Regel auf unterschiedliche Weise. Zum einen ist das teilweise darauf zurückzuführen, dass Männer das Kind insbesondere in der Frühphase einer Schwangerschaft nur mittelbar über die Frau erlebt haben. Die Frau spürt die körperlichen Veränderungen sehr früh und setzt sich mit der Schwangerschaft und dem Kind auseinander. Der Mann hört von der Schwangerschaft und kann etwa ab der 8. Woche gemeinsam mit der Schwangeren den Herzschlag des Kindes per Ultraschall beobachten. Bis die ersten kindlichen Tritte für ihn von außen spürbar werden, vergehen jedoch noch weitere Wochen.


Der Frau ist die existenzielle Abhängigkeit des Kindes von ihr selbst meist von Anfang an bewusst. In der Regel achtet sie schon früh auf ihre Ernährung, ändert eventuell ihre Gewohnheiten oder hat mit Übelkeit zu kämpfen. Der Körper stellt sich spürbar um. Eine Kaskade hormoneller Beeinflussung verändert sowohl den Körper als auch das seelische Empfinden. Deshalb entwickeln manche Frauen nach einer Fehl- oder Totgeburt neben der Trauer zusätzlich auch ein Gefühl des eigenen (körperlichen) Versagens. Dieses Empfinden entspricht jedoch häufig nicht der Realität, denn oft ist die körperliche Konstitution der Frau völlig unbeteiligt an den Ursachen der Fehl- oder Totgeburt. Auch entstehen häufig Ängste im Hinblick auf eine zweite Schwangerschaft, denn auch dabei könnte der Körper wieder versagen.


Trauer ist ein schwerer Kampf. Er kostet viel Energie. Trauer ist ein Kampf, den wir nur gewinnen, wenn wir uns mit dem Verlust versöhnen lernen und er ein Teil von uns werden darf.


Hannah Lanthrop [4] formuliert dazu: „Der einzige Weg, wirklich über die Trauer hinwegzukommen, führt mitten durch sie hindurch.“


Der Weg ist nicht leicht. Es ist schwer, die Trauer auszuhalten, aber das verstorbene Kind ist es wert. Jede Frau und jedes Paar sollte es sich wert sein, sich die Zeit zum Trauern zu nehmen und es zuzulassen, sich von dem Kind berühren und verändern zu lassen. Jedes Kind verändert auch die anderen Familienmitglieder, und so darf auch das früh verstorbene Kind Vater und Mutter, auch Schwester oder Bruder verändern und damit zu einem Teil ihres

Lebens werden.


Christen wissen sich gerade in dieser besonderen Situation gehalten von Gott, selbst wenn sie nicht alles verstehen und das Gott gegenüber vielleicht auch ausdrücken, z. B. mit den Worten des Psalmbeters: „Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!“ (Psalm 139,17; lut). Gleichzeitig wissen sie aber auch von Gott, dass er wie eine Mutter tröstet (vgl. Jesaja 66,13). Trauer darf ihren Ausdruck auch in Unverständnis und Wut finden, ja, sie sind sogar Teil des Trauerprozesses. Es ist hilfreich, in diesem Prozess nicht alleine zu sein, sondern nahestehende Begleiter und Begleiterinnen zu haben.


Als Begleiter oder Begleiterin ist es wichtig, genau auf die Trauernden zu schauen und für diesen Zeitraum eigenes Befinden auch einmal zurückzustellen. Trauer muss gelebt werden dürfen, solange sie andauert. Niemand kann ihr befehlen, „endlich mal ein Ende“ zu haben.


Die Menschen im Umfeld der Trauernden, die dem Kind ja noch nicht begegnet sind, sind den Trauernden keine Hilfe, wenn sie mit dem Hinweis trösten wollen, dass es ja noch möglich sei, weitere Kinder zu bekommen, und dass das verlorene Kind ja noch so klein war, dass es im Grunde noch gar nicht existiert habe. Solche Aussagen werden der Situation nicht gerecht. Sie sind nicht angemessen, nehmen die Trauer der Eltern nicht ernst und schädigen die Beziehung gegebenenfalls dauerhaft. Häufig ist es hilfreicher, die Stille gemeinsam auszuhalten und sie nicht durch platte Antworten zu stören. Es hilft ein achtsames Hinhören, die Realität der trauernden Eltern sensibel wahrzunehmen und miteinander auszuhalten, einfach nur da zu sein und den Menschen in den Arm zu nehmen ‒ oder auch ein Gebet anzubieten. Zuweilen ist es auch angemessen, still zu gehen. Eine stützende und liebevolle Zuwendung bietet gern Hilfe an, drängt sie aber nicht auf.


Wie am Ende der oder die Trauernde schließlich mit der eigenen Trauer umgeht und wie diese verarbeitet werden kann, hängt auch davon ab, wie groß die Person den Druck für sich empfindet, ein weiteres Kind zu bekommen. Dabei kann dieser Anspruch von außen herangetragen werden oder aus dem eigenen Innern kommen und sich um verschiedene Fragen drehen: Wie groß ist der Kinderwunsch? Wie groß ist die Chance auf eine weitere Schwangerschaft? Wie groß ist das Zeitfenster, um überhaupt noch ein Kind bekommen zu können? Der Trauerprozess selbst hängt neben dem engeren sozialen Umfeld entscheidend davon ab, wie das weitere Umfeld von Beruf und Familie als Auffangnetz dienen kann. Entscheidend für gelingende Resilienz kann auch der Rückhalt sein, der im Glauben erfahren wird. In vielen Studien wurde bereits nachgewiesen, dass die sogenannten religiösen Ressourcen entscheidend dazu beitragen, traumatisch Erlebtes versöhnt in das eigene Leben integrieren zu können.


Einen Namen geben


Ich habe meinem Kind einen Namen gegeben, nur für mich. Gefühlt war es ein Mädchen, mit Sicherheit konnte man das Geschlecht zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht feststellen. Ich gab ihm einen Mädchennamen, der Freude bedeutet, und einen Jungennamen, der Stärke bedeutet. Freude und Stärke sind die beiden Begriffe, die ich bis heute mit meinem Kind verbinde.


Namen sind Kennzeichen der menschlichen Individualität. Damit stellt man sich anderen Menschen vor, damit wird eine Verbindung von Aussehen und Persönlichkeit geschaffen. Daher ist eine Namensgebung so wichtig für die Eltern und für das Kind, das mit diesem Namen lebt. Auch dem Kind, das nicht leben darf, schafft ein Name eine natürliche Realität in der Familie, mit dem man es benennen kann, wenn man über das verstorbene Kind spricht. Über ein Kind ohne Namen spricht man nicht, oder zumindest deutlich weniger, weil

man es immer umschreiben muss und die Worte dafür so unendlich schwer zu finden sind.


Die gesellschaftliche Entwicklung ist auch in dieser Hinsicht inzwischen weiter vorangeschritten und ermöglicht die Namensgebung auch für fehlgeborene Kinder. Seit 2013 kann sie auf Wunsch auch standesamtlich beurkundet werden. Das gilt auch noch nachträglich für die Zeit vor dieser Regelung. Die Bestimmungen sind in den jeweiligen Bundesländern etwas unterschiedlich und man muss sich jeweils erkundigen, wie es im Einzelfall aussieht. Aber es ist möglich.


Das Weiterleben danach


So sehr ich auch getrauert habe und es in veränderter Form auch heute noch tue, habe ich mich dem Leben weiter gestellt. Ja, ich bin einen Tag nach der OP auf die Hochzeit meines Patensohnes gegangen. Und heute weiß ich, das war auch gut so, zumindest für mich. Damit war die Trauerarbeit nicht beendet, im Gegenteil, sie begann erst, aber ich wollte schon zu diesem Zeitpunkt der Trauer keinesfalls das letzte Wort geben. Ich wollte ihr nicht die größte Macht in meinem Leben einräumen, sondern gleichzeitig denjenigen Liebe und Wertschätzung zeigen, die mir ebenfalls sehr am Herzen liegen.


Dies ist meine persönliche Geschichte, die ich um eine Reihe allgemeiner Erkenntnisse und Fakten ergänzt habe. Jede und jeder Betroffene hat seine bzw. ihre eigene Geschichte, die ganz anders aussieht und aussehen kann und auch darf. Die Trauer verbindet jede dieser Geschichten miteinander und hoffentlich bleiben sie auch in einem Weiterleben mit neuer Perspektive verbunden.


Ein solches Weiterleben muss man sich bewusst erlauben. Im ersten Moment scheint die Verbindung zum verstorbenen Kind nur in der Trauer zu bestehen. Wenn man nun irgendwann die Trauer loslässt oder zulässt, dass sie sich verändert, kann emotional der Eindruck entstehen, dass man das Kind selbst loslässt und noch einmal oder jetzt endgültig verliert. Doch so ist das nicht! Das Kind hat eine Zeit lang gelebt. Vater und Mutter erinnern sich an die Freude, die sie empfanden, als sie die Schwangerschaft festgestellt haben. Sie erinnern sich an manche körperlichen Symptome, die Übelkeit, das erste Ultraschallfoto, das schlagende Herz und die ersten Bewegungen im Ultraschall oder später auch die spürbaren Bewegungen im Bauch. Sie erinnern sich auch an die Liebe, die sie diesem ungeborenen

Kind schon entgegengebracht haben. All das bleibt, weil es ein Teil des eigenen Erlebens und der eigenen Persönlichkeit geworden ist. Deshalb kann man die Trauer auch irgendwann loslassen, ohne befürchten zu müssen, das Kind damit ganz zu verlieren, denn man behält alle seine Erinnerungen tief in sich.


Fazit 1: Versöhnung


Letztendlich stehen alle Betroffenen vor entscheidenden Fragen: Kann ich mich mit meinen schmerzhaften Erfahrungen und letztendlich mit dem Leid, das ich im Leben erfuhr, versöhnen? Kann ich damit und daraus mein Leben sinnerfüllt weiterleben? Wer zu diesen beiden Fragen am Ende ein Ja gefunden hat, für den sind die Weichen zu einem Weiterleben mit neuer veränderter Perspektive positiv gestellt.


Fazit 2: Reifung


Die durchlittene Erfahrung einer Fehlgeburt oder Totgeburt macht reifer, vielleicht auch sensibler und aufmerksamer für das Leid anderer Menschen. Es wird neue Begegnungen und neue Perspektiven geben, vielleicht in einer erneuten Schwangerschaft, die mit der Geburt eines Kindes endet, vielleicht mit anderen Aufgaben oder auch nur mit anderen Sichtweisen.


Ich selbst habe kein weiteres Kind bekommen, obwohl ich es mir sehr gewünscht hatte. Doch hat mich diese Erfahrung in das Engagement und die Arbeit für das Leben geführt. Mir ist klar geworden, dass ich aus dem von mir erlebten eigenen Verlust heraus etwas für das Leben, für das Leben anderer tun wollte.



Endnoten


[1] Bundesverband der Frauenärzte, Fehlgeburten – Warum die Trauer so wichtig ist. Zurück in den Alltag nach einer Fehlgeburt, das kann ein steiniger Weg sein, Pressemitteilung vom 12. Dezember 2016, unter https://www.bvf.de/aktuelles/pressemitteilungen/meldung/news/fehlgeburten-warum-die-trauer-sowichtig-ist/ (zuletzt abgerufen am 8. Juni 2021.)


[2] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Katrin Helling-Plahr, Michael Theurer, Grigorios Aggelidis, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP – Drucksache 19/21192 – Unterstützung für von Fehl- und Totgeburten Betroffene, unter https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/216/1921615.pdf (zuletzt abgerufen am 8. Juni 2021).


[3] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: https://www.familienplanung.de/suche/?tx_solr%5Bq%5D=Fehlgeburt (zuletzt abgerufen am 8. Juni 2021).


[4] Hannah Lothrop, Gute Hoffnung – jähes Ende. Fehlgeburt, Totgeburt und Verluste in der frühen Lebenszeit. Begleitung und neue Hoffnung für Eltern, Kösel-Verlag, München 2016 (vollständig überarbeitete Neuausgabe).

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