Würde am Lebensanfang? Eine ethische und persönliche Auseinandersetzung – Judith Khoury
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- 25. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Mai
Manchmal bedarf es nicht vieler Worte, um die entscheidenden Punkte darzulegen. Judith Khoury gelingt es, auf nur drei Seiten in klar verständlicher Sprache zu erklären, weshalb ihrer Meinung nach jedem Menschen von Angang an die volle Menschenwürdegarantie und damit auch der volle Schutzanspruch zukommt. Hierfür stellt sie die sogenannten SKIP-Argumente vor. Wer auch in spontanen Begegnungen bereit sein möchte, diese Sichtweise gut nachvollziehbar darzustellen, der sollte diesen Artikel unbedingt lesen.
Genre: Aufsatz (3 Seiten)
Disziplin: Medizin
Charakter: Andekdotisch, meinungsäußernde Darstellungsform
Quelle: Khoury, Judith, Würde am Lebensanfang? Eine ethische und persönliche Auseinandersetzung, in: ACM Journal. Leben. Glauben. Medizin, Ausgabe 1/2026, 7-9

„Was denkst du über Abtreibung?“ – diese Frage traf mich als 18-jährige Medizinstudentin prompt auf meiner Ersti-Party, irgendwo zwischen Vorglühen und Tanzfläche. Ich musste schlucken. Natürlich hatte ich damit gerechnet, dass das Thema irgendwann aufkommt, doch so unvermittelt erwischte es mich dann doch. Ich weiß nicht mehr, was ich damals gestammelt habe. Aber der Wunsch, dass sich der Boden unter mir auftut, ist mir bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben.
Kein Wunder! Denn hinter dieser scheinbar simplen Frage verbirgt sich eine der tiefsten und emotionalsten ethischen Auseinandersetzungen unserer Gesellschaft.
Rückblickend zeigt mir diese Erinnerung, wie schwer eine Antwort damals fiel – und wie sehr mir die folgenden Überlegungen heute helfen würden, meine Sicht verständlich zu machen.
Drei Sichtweisen
Im Kern geht es um die entscheidende Frage: Ab wann verdient menschliches Leben den Schutz, der auf der Würde der Person beruht? In der ethischen Debatte gibt es drei Grundpositionen: Manche knüpfen Würde an bestimmte Fähigkeiten
oder Entwicklungsstadien (Schwellenwert-Modelle). Andere sehen eine abgestufte Schutzwürdigkeit, die mit der Reifung wächst (Gradualismus). Und schließlich gibt es die
Sicht, dass menschliches Leben von Beginn an volle Würde und denselben Schutz verdient. Zu dieser letzten Sichtweise neige auch ich.
Die SKIP-Argumente
Diese Position wird im Wesentlichen durch vier Argumente getragen, die unter dem Kürzel SKIP bekannt sind: Spezies, Kontinuität, Individualität und Potenzial.
1. Spezies
Das erste Argument setzt an der Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies an. Eine befruchtete Eizelle enthält bereits den menschlichen Chromosomensatz und kann keiner anderen Art als der des Menschen zugerechnet werden. Aus Solidarität mit den Mitgliedern unserer Spezies – und weil auch wir selbst einmal auf diese Zuwendung angewiesen waren – garantieren wir den vollen Lebensschutz. Kritiker halten dem entgegen, es sei speziesistisch, allein die Zugehörigkeit zum Homo sapiens als Grundlage für Menschenwürde anzuführen. Moralischer Status müsse vielmehr an Fähigkeiten wie Empfindungsvermögen oder Bewusstsein gebunden sein. Doch dieser Einwand hat schwerwiegende Konsequenzen:
Würde, die an aktuelle Eigenschaften geknüpft ist, könnte auch Neugeborenen, Menschen mit schwerer Demenz oder Komapatienten abgesprochen werden. Genau das aber soll
die Idee der Menschenwürde verhindern – sie gilt jedem Menschen qua Menschsein.
2. Kontinuität
Das zweite Argument betrifft die Kontinuität menschlichen Lebens. Ein Mensch entwickelt sich in einem lückenlosen Prozess von der Befruchtung bis zum Tod. Ein festgelegter
Zeitpunkt, an dem „Personsein“ beginnt, wäre biologisch nicht zu bestimmen und damit willkürlich gesetzt. Manche schlagen dennoch Schwellenwerte wie Einnistung, Hirnaktivität oder Lebensfähigkeit vor. Doch warum gerade diese und nicht andere Merkmale wie Herzschlag oder Schmerzempfindung? Jede Grenze erweist sich bei näherem
Hinsehen als willkürlich. Deshalb liegt es nahe, den Schutz am sichersten Anfangspunkt festzumachen: an der Befruchtung.
3. Individualität
Ein weiteres Argument ist das der Individualität. Es besagt, dass es sich beim Embryo bereits um ein und dieselbe Person handelt wie beim späteren erwachsenen Menschen.
Aussagen wie „Ich wurde gezeugt“ oder „Ich war im Leib meiner Mutter“ drücken diese Kontinuität persönlicher Identität aus. Oft wird eingewandt, ein Embryo könne sich in den ersten zwei Wochen noch in Zwillinge aufspalten. Doch diese Möglichkeit der Teilung bedeutet nicht, dass keine Individualität vorliegt, sondern lediglich, dass sie sich in seltenen
Fällen vervielfältigen kann. Ein Pflanzenspross, der sich teilt, war ebenfalls bereits ein Individuum, auch wenn daraus später zwei entstehen. Die Phase der nicht eindeutigen
Individualität ist kurz, und es wäre unverhältnismäßig, den Lebensschutz deshalb grundsätzlich infrage zu stellen.
4. Potenzial
Schließlich das Argument des Potenzials. Schon ab der Kernverschmelzung besitzt der Embryo das inhärente Potenzial, alle Fähigkeiten zu entwickeln, die menschliche
Personalität ausmachen. Dieses Entwicklungspotenzial ist die Grundlage seiner Schutzwürdigkeit. Manchmal wird entgegnet, auch Hautzellen hätten das Potenzial,
zu einem Menschen zu werden – dennoch behandelt sie niemand wie Personen. Der Vergleich hinkt jedoch: Eine Hautzelle trägt nicht aus sich selbst heraus das Ziel in sich, ein Mensch zu werden, sondern müsste durch massive künstliche Eingriffe umprogrammiert werden. Ein Embryo hingegen ist von Beginn an auf die volle Entfaltung als Mensch angelegt. Potenzial meint hier also nicht eine bloße theoretische Möglichkeit, sondern die innere Entwicklungsdynamik, die dem Embryo von Anfang an eigen ist.
Gott würdigt das ungeborene Leben
Die SKIP-Argumente sind nicht theologischer Natur und somit auch für Menschen ohne christlichen Bezug zugänglich. Gleichzeitig lassen sie sich leicht auf theologische
Wahrheiten übertragen: So entspricht etwa das Spezies-Argument der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die ihm bei seiner Erschaffung von Gott verliehen wurde und nicht verlorengeht. Sie hängt nicht von bestimmten Fähigkeiten
oder äußerer Anerkennung ab, sondern ist untrennbar mit dem Menschsein selbst verbunden. In Psalm 139 formuliert der Beter: „Deine Augen sahen mich schon als ungeformten Keim“ (Psalm 139,16) und bringt damit das Identitätsargument zum Ausdruck: Ich bin derselbe, der von Anfang an im Leib meiner Mutter existierte. Diese Einsicht findet ihre Entsprechung in Gottes Zusage an den Propheten Jeremia: „Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt; ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst,
habe ich dich geheiligt“ (Jeremia 1,5). Beide Texte verdeutlichen: Schon vor der Geburt ist das menschliche Leben von Gott gesehen, erkannt und gewürdigt.
Diese biblische Grundüberzeugung erhält ihr stärkstes Gewicht darin, dass Gott selbst Mensch wurde, und zwar nicht erst als Kind, sondern – wie auch immer das geschehen ist
– als befruchtete Eizelle. Bereits in der Frühschwangerschaft bekräftigt Elisabeth, Marias Verwandte, die Identität der Leibesfrucht mit den Worten: „Wer bin ich, dass die
Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lukas 1,43). Damit wird deutlich: Das Leben jedes menschlichen Embryos trägt Würde, weil Gott selbst ein Embryo war.
Die Würde aller Beteiligten
Doch die Weihnachtsgeschichte zeigt noch mehr: Die schwangere Maria befand sich in einer Situation, die wir heute vielleicht als Konfliktschwangerschaft beschreiben
würden. Vieles stand auf dem Spiel: die geplante Hochzeit, ihre Ehre als Frau, ihre Lebensgrundlage. Dreimal schickte Gott einen Engel: zuerst zu Maria selbst,
dann zu ihrem Mann Josef, der sich daraufhin entschied, bei ihr zu bleiben, und vorher zu ihren Verwandten Zacharias und Elisabeth, die sie in dieser besonderen Situation begleiteten.
Gott sah und liebte nicht nur das ungeborene Kind,
sondern auch seine Mutter!
Eine ungeplante Schwangerschaft kann massive Gefühle von Unsicherheit, Scham, Angst oder Verzweiflung auslösen. Auch die werdenden Väter erleben diese Belastung
oft mit. Manche Außenstehende sehen vielleicht viele Optionen oder denken im Rückblick: „War doch gar nicht so schlimm“ – aber in der Situation selbst ist die emotionale Belastung real.
Wer in dieser Ausnahmesituation steht, braucht vor
allem Zeit, Verständnis und verlässliche Begleitung –
keinen Vorwurf. Christliche Ärzte können dabei einen
wichtigen Beitrag leisten.
Wäre ich heute wieder als Ersti auf dieser Medizinerparty und jemand fragt mich plötzlich nach meiner Meinung zur Abtreibung, würde ich wohl sagen:
„Puh, das ist ein wirklich komplexes Thema. Ich denke an die Frau, an das Kind und an alle, die in so einer Situation stecken. Für mich geht es immer darum, die Würde aller Beteiligten
zu wahren. Wenn du willst, erzähle ich dir gerne mehr über meine Sicht auf Menschenwürde im Schwangerschaftskonflikt – aber vielleicht nicht auf der Tanzfläche, sondern in Ruhe bei einer Tasse Kaffee.” Dann müsste sich der Boden unter mir wahrscheinlich gar nicht erst auftun.



